Lava
"Magma, das durch einen Vulkanschlot die Erdoberfläche erreicht hat."
Lava ist geschmolzenes Gestein, das die Erdoberfläche durch einen Vulkanschlot oder eine Spalte durchbrochen hat. Solange es sich unter der Kruste befindet, wird dieses geschmolzene Material als Magma bezeichnet; beim Austritt an die Oberfläche wird es als Lava neu klassifiziert. Dieser Unterschied ist geologisch bedeutsam: Beim Aufstieg verliert das Magma seine gelösten Gase (Volatilen), was seine physikalischen Eigenschaften grundlegend verändert und bestimmt, ob ein Ausbruch explosiv oder ruhig verläuft.
Lava ist eine der mächtigsten konstruktiven Kräfte der Natur. Sie baut Inseln auf, schafft neue Kruste und setzt über Jahrmillionen die Nährstoffe frei, die fruchtbare Böden und blühende Ökosysteme ermöglichen.
Chemische Zusammensetzung und Klassifizierung
Lava besteht hauptsächlich aus Silikatmineralien, und ihr Verhalten wird durch ihren Siliziumdioxid-(SiO₂)-Gehalt bestimmt. Dies ist die wichtigste chemische Variable in der Vulkanologie, denn sie bestimmt die Viskosität und damit das gesamte Ausbruchsverhalten.
Mafische (basaltische) Lava
- SiO₂-Gehalt: 45–52 %
- Temperatur: 1.000–1.250 °C
- Viskosität: Sehr niedrig – dünnflüssig wie Sirup
- Ausbruchsstil: Effusiv, mit fließenden Strömen; selten explosiv
- Typische Vulkane: Hawaii, Island, Réunion, Ätna (basaltische Phasen)
- Produkte: Pahoehoe, ʻaʻā, Kissenlava
Basaltische Lava ist die primitivste und häufigste Lava der Erde. Sie entsteht direkt aus dem Erdmantel und hat eine geringere chemische Verarbeitung durchlaufen als felsische Laven.
Intermediäre (andesitische) Lava
- SiO₂-Gehalt: 52–63 %
- Temperatur: 800–1.000 °C
- Viskosität: Mittel – zähflüssig
- Ausbruchsstil: Explosiv bis effusiv; bildet häufig Lavadome
- Typische Vulkane: Stratovulkane entlang des Pazifischen Feuerrings: Merapi, Mount St. Helens, Fujiyama
- Produkte: Blocklava, Lavadome, explosive Eruptionssäulen
Andesitische Lava ist benannt nach den Anden, wo sie häufig vorkommt. Sie entsteht in Subduktionszonen durch Magmamischung und Krustenassimilation.
Felsische (rhyolithische) Lava
- SiO₂-Gehalt: 63–75 %+
- Temperatur: 650–850 °C
- Viskosität: Extrem hoch – fast fest, wie heißes Teer
- Ausbruchsstil: Hochexplosiv oder als langsam kriechende Dome
- Typische Vulkane: Supervulkane (Yellowstone, Toba), Novarupta, Ngaruhoe
- Produkte: Bimsstein, Obsidian, Ignimbrite, Asche
Rhyolithische Lava ist so viskos, dass sie gelöste Gase kaum entweichen lässt. Der Druck baut sich auf und führt zu katastrophalen Explosionen.
Rheologie und Viskosität
Die Viskosität von Lava – ihr Widerstand gegen das Fließen – ist ihre wichtigste physikalische Eigenschaft. Sie wird durch drei Faktoren bestimmt:
- SiO₂-Gehalt: Mehr Kieselsäure bedeutet mehr Polymerisierung der Silikatstruktur und damit höhere Viskosität.
- Temperatur: Heißere Lava ist dünnflüssiger. Jede Temperaturerhöhung um 100 °C kann die Viskosität um den Faktor 10 reduzieren.
- Gasgehalt: Gasblasen in der Lava verringern die effektive Viskosität zunächst, können aber bei plötzlichem Druckabfall explosive Fragmentierung verursachen.
Die Viskosität bestimmt alles: die Hangneigung des Vulkans, die Fließgeschwindigkeit der Lava, die Weite ihres Ausbreitungsgebiets und – am entscheidendsten – ob der Ausbruch als ruhiger Lavastrom oder als katastrophale Explosion verläuft.
Lavaröhren: Natürliche Pipelines
Eine der faszinierendsten Strukturen der Basaltgeologie sind Lavaröhren. Sie entstehen, wenn die Oberfläche eines Lavastroms abkühlt und eine harte Kruste bildet, während das heiße, flüssige Material im Inneren weiter fließt. Sobald der Ausbruch endet, zieht das Material ab und hinterlässt einen hohlen Tunnel.
Lavaröhren sind hervorragende Wärmeisolatoren: Die Lava im Inneren kann kilometerlang fließen, ohne nennenswert abzukühlen. Dies erlaubt es basaltischer Lava, Strecken von Dutzenden bis Hunderten von Kilometern von der Quelle zurückzulegen – und erklärt, warum Schildvulkane so breite, flache Gebäude bilden.
Einige Lavaröhren sind außergewöhnlich groß: Die Kazumura Cave auf Hawaii ist mit über 65 km die längste bekannte Lavaröhre der Welt. Auf dem Mond und auf dem Mars wurden ebenfalls Lavaröhren entdeckt – zukünftige Mondkolonien könnten sie als natürlichen Schutz vor Strahlung und Temperaturextremen nutzen.
Morphologien: Wie Lava erstarrt
Die Textur, die eine erstarrte Lava hinterlässt, hängt von ihrer Viskosität, Fließgeschwindigkeit und dem Umgebungsmedium ab. Die hawaiianischen Begriffe für Lavamorphologien sind in der Vulkanologie weltweit Standard geworden:
Pāhoehoe
Gekennzeichnet durch eine glatte, wellige, manchmal seilartige oder strickartige Oberfläche. Pāhoehoe entsteht aus heißer, dünnflüssiger Lava bei niedriger Fließgeschwindigkeit. Die erstarrende Außenhaut wird vom noch fließenden Material darunter zu eleganten Falten und Wellen gezogen. Pāhoehoe kann sich in Lavaröhren weiterentwickeln und große Distanzen zurücklegen.
ʻAʻā
Eine raue, zerklüftete Oberfläche aus spitzen, losen Lavabrocken (Klinker). ʻAʻā entsteht, wenn die Lava etwas kühler ist oder schneller fließt: Die Kruste bricht ständig, während das fließende Material sie vorwärts schiebt, was die Brocken aufeinanderwirft. Das Betreten von ʻaʻā-Feldern ist ohne dickes Schuhwerk extrem schwierig.
Kissenlava (Pillow Lava)
Entsteht, wenn Lava unter Wasser ausbricht oder in Wasser fließt. Die schnelle Abkühlung bewirkt, dass die Lava in abgerundeten, kissenförmigen Lappen extrudiert wird, da die Außenhaut schlagartig erstarrt. Kissenlava ist die häufigste Lavaform auf der Erde – sie bedeckt die überwiegende Mehrheit des Meeresbodens. Frische Kissenlava ist für ihre charakteristischen Glasränder und radialen Abkühlungsrisse bekannt.
Blocklava
Typisch für andesitische oder rhyolithische Ströme, wo die Lava zu zähflüssig ist, um Klinker zu bilden. Sie zerbricht stattdessen in große, glatte, plattenförmige Blöcke. Blocklavastrome sind extrem langsam (teils wenige Meter pro Tag) aber sehr schwer aufzuhalten.
Lava und menschliche Geschichte
Lava ist sowohl ein Zerstörer als auch ein Erschaffer:
Zerstörerische Kraft
Lavaströme vernichten alles in ihrer Bahn: Wälder, Felder, Häuser und ganze Siedlungen. Auf Hawaii zerstörten die Lavaströme der Kīlauea-Eruption 2018 über 700 Häuser im Gebiet Leilani Estates. Auf La Palma (Kanarische Inseln) vernichtete die Cumbre Vieja-Eruption 2021 etwa 3.000 Gebäude.
Konstruktive Kraft
Auf Hawaii wächst die Big Island täglich durch neue Lavaströme, die ins Meer fließen und neues Land aufbauen. Seit Beginn der kontinuierlichen Eruptionsaktivität des Kīlauea im Jahr 1983 wurden mehr als 2,7 km² neue Landfläche ins Meer hinzugefügt. Im geologischen Maßstab haben Lavaströme den gesamten Hawaii-Archipel über Millionen von Jahren aus dem tiefen Ozean aufgebaut.
Fruchtbare Böden
Die Verwitterung von basaltischer Lava setzt große Mengen an Nährstoffen frei: Eisen, Magnesium, Kalzium, Phosphor. Auf vulkanischen Böden gedeihen einige der produktivsten Landwirtschaftsgebiete der Welt – von den Kaffeeanbaugebieten Äthiopiens über die Reisfelder Javas bis zu den Weingütern rund um den Vesuv.
Lava-Kühlung: Menschliche Eingriffe
Im Jahr 1973 gelang auf der isländischen Insel Heimaey ein bemerkenswertes Experiment: Als Lavaströme des Eldfell den einzigen tiefen Hafen Islands zu verschütten drohten, pumpten Einwohner Millionen Kubikmeter Meerwasser auf die vorrückende Lavafront. Das Wasser kühlte die Außenhaut ab, verlangsamte den Strom und formte schließlich eine natürliche Barriere. Das Experiment gilt als eines der erfolgreichsten Beispiele aktiver Katastrophenbekämpfung in der Vulkanologie.
Verwandte Begriffe
- Magma: Das gleiche geschmolzene Gestein, solange es sich noch unter der Oberfläche befindet.
- Basalt: Das Gestein, das aus erstarrter basaltischer Lava entsteht.
- Lavasee: Eine Ansammlung dauerhaft flüssiger Lava in einem Vulkankrater.
- Pyroklastischer Strom: Entsteht, wenn hochviskose felsische Lava explosiv fragmentiert wird, anstatt zu fließen.