Messung

VEI (Vulkanexplosivitätsindex)

"Eine logarithmische Skala (0-8) zur Messung der explosiven Stärke eines Vulkanausbruchs, ähnlich der Richterskala für Erdbeben."

Der Vulkanexplosivitätsindex (VEI) ist der internationale Standardmaßstab, den Vulkanologen verwenden, um die Kraft und Größe eines Vulkanausbruchs zu quantifizieren. Er wurde 1982 von Chris Newhall (USGS) und Stephen Self (University of Hawaii) entwickelt, um historische und prähistorische Ausbrüche auf einer einheitlichen Skala vergleichbar zu machen. Der VEI ermöglicht den direkten Vergleich zwischen dem Tagesrülpser eines Schildvulkans und der planetenverändernden Katastrophe eines Supervulkans.

Ein entscheidendes Merkmal: Der VEI misst nicht die Gefährlichkeit eines Ausbruchs für Menschen (ein kleiner VEI-2-Ausbruch nahe einer Großstadt kann katastrophale Schäden anrichten), sondern die reine physikalische Leistung – die Menge des ausgeworfenen Materials und die Höhe der Eruptionssäule.

Wie der VEI berechnet wird

Der Index wird hauptsächlich durch zwei Faktoren bestimmt:

  1. Volumen des ausgeworfenen Materials: Wie viel Tephra (Asche, Bimsstein und Gestein) wird bei der Eruption ausgeworfen? Dies wird in Kubikkilometern (km³) gemessen. Für historische Ereignisse wird das Volumen durch die Kartierung der Tephra-Ablagerungen abgeschätzt; für prähistorische Ereignisse basiert es auf der Dicke und Ausdehnung erhaltener Ignimbrit- und Falloutschichten.

  2. Höhe der Eruptionssäule: Wie hoch reicht die Eruptionssäule in die Atmosphäre? Dies ist der direkteste Indikator für die explosive Energie und die potenziellen globalen Klimaauswirkungen (Schwefel-Injektion in die Stratosphäre).

Weitere Faktoren werden qualitativ berücksichtigt:

  • Eruptionsdauer
  • Charakter (kontinuierlich vs. intermittierend)
  • Injektionshöhe in die Stratosphäre

Die Skala reicht von VEI 0 (nicht explosiv) bis VEI 8 (mega-kolossal). Entscheidend: Die Skala ist ab VEI 2 logarithmisch, d.h. jede Stufe entspricht einer Verzehnfachung des ausgeworfenen Materialvolumens.

Die VEI-Skala im Detail

VEI 0 – Effusiv (nicht explosiv)

  • Volumen: < 10.000 m³
  • Säulenhöhe: < 100 m
  • Charakter: Sanfte Lavaströme, kein explosives Material
  • Häufigkeit: Täglich
  • Beispiele: Kīlauea (Hawaii), Fagradalsfjall (Island), Stromboli (geringe Aktivität)

VEI 1 – Sanft

  • Volumen: 10.000 m³ – 1 Mio. m³
  • Säulenhöhe: 100 m – 1 km
  • Charakter: Kleine rhythmische Explosionen; Lavaströme und kleine Aschestöße
  • Häufigkeit: Täglich irgendwo auf der Welt
  • Beispiele: Stromboli (Italien) – nahezu ununterbrochen seit 2.000 Jahren; Ätna (geringe Aktivitätsphasen)

VEI 2 – Explosiv

  • Volumen: 1 Mio. m³ – 10 Mio. m³
  • Säulenhöhe: 1–5 km
  • Charakter: Moderat explosiv; lokale Aschefälle, Lavaströme
  • Häufigkeit: ~mehrmals pro Woche global
  • Beispiele: Whakaari/White Island (2019, Neuseeland), Mount Sinabung (Phasen), Sakurajima (Japan)

VEI 3 – Schwer

  • Volumen: 10 Mio. m³ – 100 Mio. m³
  • Säulenhöhe: 3–15 km
  • Charakter: Erhebliche regionale Aschefälle; mögliche pyroklastische Ströme; Gefahr für lokale Bevölkerung
  • Häufigkeit: ~ein bis mehrmals pro Jahr global
  • Beispiele: Nevado del Ruiz (1985, Kolumbien) – löste die Armero-Katastrophe aus; Soufrière Hills (Montserrat, ab 1995)

VEI 4 – Kataklysmisch

  • Volumen: 100 Mio. m³ – 1 km³
  • Säulenhöhe: 10–25 km (obere Troposphäre bis Stratosphäre)
  • Charakter: Significant regional disruption; Störung des Luftverkehrs; leichte globale Temperatureffekte möglich
  • Häufigkeit: ~einmal alle 1–2 Jahre global
  • Beispiele: Eyjafjallajökull (2010, Island) – sperrte europäischen Luftraum; Mount Pelée (1902, Martinique) – zerstörte St. Pierre; Galeras (1993, Kolumbien)

VEI 5 – Paroxysmal

  • Volumen: 1–10 km³
  • Säulenhöhe: > 25 km (Stratosphäre)
  • Charakter: Regionale bis überregionale Verheerung; signifikante globale Klimaauswirkungen (messbare Abkühlung für Monate)
  • Häufigkeit: ~einmal pro Jahrzehnt global
  • Beispiele: Mount St. Helens (1980, USA); Vesuv (79 n. Chr.) – begrub Pompeji; Hudson (1991, Chile)

VEI 6 – Kolossal

  • Volumen: 10–100 km³
  • Säulenhöhe: > 30 km (tiefe Stratosphäre)
  • Charakter: Weiträumige Zerstörung; globale Klimaauswirkungen (messbarer vulkanischer Winter für 1–3 Jahre)
  • Häufigkeit: ~einmal pro Jahrhundert global
  • Beispiele: Krakatau (1883, Indonesien) – Tsunamis, weltweite Temperaturabkühlung; Mount Pinatubo (1991, Philippinen) – ~0,5 °C globale Abkühlung; Santa María (1902, Guatemala)

VEI 7 – Super-Kolossal

  • Volumen: 100 km³ – 1.000 km³
  • Säulenhöhe: > 40 km (Stratosphäre/Mesosphäre)
  • Charakter: Katastrophale globale Klimaauswirkungen; mögliche landwirtschaftliche Zusammenbrüche; potenzielle Caldera-Bildung
  • Häufigkeit: ~einmal pro tausend Jahre global
  • Beispiele: Tambora (1815, Indonesien) – VEI 7, verursachte das „Jahr ohne Sommer” 1816; Rinjani (1257, Indonesien) – löste möglicherweise eine Abkühlungsphase aus, die den Schwarzen Tod begünstigte

VEI 8 – Mega-Kolossal (Supervulkan)

  • Volumen: > 1.000 km³
  • Säulenhöhe: > 50 km
  • Charakter: Massenauswurf; potentiell weltverändernde Klimaauswirkungen; genetischer Flaschenhals-Risiko für die Menschheit
  • Häufigkeit: ~einmal pro 50.000 Jahre global
  • Beispiele: Yellowstone (vor 640.000 Jahren, USA); Toba (vor ~74.000 Jahren, Sumatra) – mögliche Reduktion der Menschenpopulation auf wenige Tausende; Campanian Ignimbrite (vor ~39.000 Jahren, Italien)

Einschränkungen des VEI

Der VEI ist ein nützliches, aber unvollständiges Messinstrument:

  • Misst nur Explosivität, nicht Gefährlichkeit: Ein VEI-0-Lavastrom auf La Palma (2021) dauerte 85 Tage, zerstörte über 3.000 Gebäude und kostete 900 Millionen Euro Schäden – ohne eine einzige Tote. Ein VEI-3-Ausbruch kann dagegen in Minuten tausende Leben fordern (Nevado del Ruiz, 1985).
  • Misst kein Gasvolumen: Der VEI erfasst das ausgeworfene Festmaterial, nicht die Gasmenge. Für Klimaauswirkungen ist aber das ausgeworfene SO₂-Volumen entscheidend. Ein gasreicher VEI-5 kann klimatisch wirkungsvoller sein als ein gasarmer VEI-6.
  • Vergangenheit schwer schätzbar: Für prähistorische Ausbrüche sind nur Tephra-Ablagerungen erhalten – das tatsächliche Ausbruchsvolumen kann nur grob geschätzt werden, da ein großer Teil der Asche im Ozean oder an nicht untersuchten Stellen liegen kann.
  • Keine Rückschlüsse auf Ausbruchsdauer: Ein VEI-Wert sagt nichts darüber aus, ob der Ausbruch in einer Stunde oder über ein Jahr verlief.

Der VEI in der Praxis: Aktuelle Fallbeispiele

Zwei moderne Ausbrüche veranschaulichen die Grenzen des VEI besonders deutlich:

  • Hunga Tonga–Hunga Haʻapai (2022, Tonga): Zunächst als VEI 5 eingestuft, erzeugte dieser Ausbruch eine Druckwelle, die die Erde zweimal umrundete, und schoss Wasserdampf bis in die Stratosphäre – mit messbaren Folgen für die globale Ozonschicht. Der klassische VEI unterschätzte seinen atmosphärischen Einfluss erheblich.
  • Bárðarbunga (2014–2015, Island): Trotz eines VEI von nur 1–2 emittierte dieser effusive Ausbruch außergewöhnlich hohe SO₂-Mengen und belastete Island monatelang mit vulkanischem Smog. Ein Paradebeispiel dafür, dass Gasvolumen – und nicht Tephra – für Klimaauswirkungen entscheidend sein kann.

Verwandte Eruptionskategorien

Neben dem VEI gibt es ergänzende Klassifikationssysteme:

  • Intensität vs. Magnitude: Die Magnitude ist das Gesamtvolumen (VEI), die Intensität ist die Auswurfrate pro Zeiteinheit (kg/s). Zwei Ausbrüche können gleiche Magnitude aber sehr unterschiedliche Intensität haben.
  • Eruptionsstil-Klassifikation: Hawaiianisch, Strombolianisch, Vulcanianisch, Sub-Plinianisch, Plinianisch, Ultraplianisch – describes the character and not the size.

Der VEI in der Praxis: Historische Chronologie

Zur Orientierung zeigt diese Übersicht die häufigsten historischen Ausbrüche nach VEI:

VEIGeschätzte HäufigkeitLetzte Ausbrüche dieser Größenordnung
0–1TäglichStromboli, Kīlauea (laufend)
2WöchentlichSakurajima, Whakaari (2019)
3~1–2x/JahrNevado del Ruiz (1985), Sinabung (2014)
4~1x alle 1–2 JahreEyjafjallajökull (2010), Galeras (1993)
5~1x/JahrzehntPinatubo Phase I (1991), Chaiten (2008)
6~1x/JahrhundertPinatubo (1991), Krakatau (1883)
7~1x/JahrtausendTambora (1815), Samalas (1257)
8~1x/50.000 JahreYellowstone (640.000 v. h.), Toba (74.000 v. h.)

Diese Tabelle verdeutlicht die logarithmische Seltenheit: VEI-8-Ausbrüche treten etwa 50.000-mal seltener auf als VEI-3-Ausbrüche, sind aber in ihrer Auswirkung astronomisch größer.

Verwandte Begriffe

  • Plinianische Eruption: Eruptionen ab VEI 4 sind meist plinianischer Natur.
  • Aschewolke: Direktes Produkt hochexplosiver Ausbrüche – je höher der VEI, desto globaler die Reichweite.
  • Vulkanischer Winter: Klimatische Folge von VEI-6+-Ausbrüchen.
  • Caldera: Oft das morphologische Ergebnis von VEI-7- und VEI-8-Ausbrüchen.