Magma
"Geschmolzenes oder halbgeschmolzenes natürliches Material, das unter der Erdoberfläche gefunden wird, bestehend aus Schmelze, suspendierten Kristallen und gelösten Gasen."
Magma ist das Ausgangsmaterial aller magmatischen Gesteine und einer der fundamentalsten Stoffe der Erdwissenschaften. Obwohl es oft synonym mit „Lava” verwendet wird, ist der Unterschied einfach, aber bedeutend: Magma existiert unter der Erde, während Lava Magma ist, das die Oberfläche durchbrochen hat. Dieses unterirdische geschmolzene Gestein ist der Motor der Plattentektonik, der Antrieb für Vulkane und ein wesentlicher Akteur im langen Kreislauf der Gesteine über geologische Zeiträume hinweg.
Die drei Komponenten von Magma
Magma ist selten eine einfache, homogene Flüssigkeit. Es ist eine komplexe mehrphasige Substanz, die typischerweise aus drei Bestandteilen besteht:
-
Die Schmelze (liquid melt): Der tatsächlich flüssige Teil, bestehend aus mobilen Ionen gängiger Elemente: Silizium (Si), Sauerstoff (O), Aluminium (Al), Eisen (Fe), Magnesium (Mg), Kalzium (Ca), Natrium (Na) und Kalium (K). Das Verhältnis dieser Elemente – besonders der Siliziumdioxid-Anteil (SiO₂) – bestimmt alle chemischen Eigenschaften.
-
Feststoffe (Kristalle): Mineralkristalle, die bereits aus der Schmelze auskristallisiert sind. In einem kühlendem Magmakörper beginnen Hochtemperaturmineralien wie Olivin und Pyroxen als erste zu kristallisieren. Diese Kristalle können in der Schmelze schwimmen oder sich absetzen.
-
Volatile (gelöste Gase): Gelöste Gase, die bei hohem Druck in der Flüssigkeit bleiben. Die häufigsten sind:
- Wasserdampf (H₂O): Der mengenmäßig bedeutendste Volatile
- Kohlendioxid (CO₂): Besonders in großen Tiefen dominant
- Schwefeldioxid (SO₂): Wichtig für Klimaauswirkungen bei Ausbrüchen
- Chlorwasserstoff (HCl) und Fluorwasserstoff (HF)
Wenn Magma aufsteigt und der Umgebungsdruck sinkt, verlieren die Gase ihre Löslichkeit und expandieren explosiv – ähnlich wie CO₂ aus einer geöffneten Mineralwasserflasche. Diese Expansion ist der Treiber explosiver Eruptionen.
Physikochemische Eigenschaften
Temperatur
Die Magmatemperaturen reichen von etwa 650–800 °C für hoch differenzierte, kieselsäurereiche (rhyolithische) Magmen bis zu über 1.300 °C für primitive basaltische Magmen frisch aus dem Mantel. Zum Vergleich: Der Schmelzpunkt von Stahl liegt bei etwa 1.370 °C – ein frisch aufsteigendes Mantelmagma ist beinahe so heiß.
Viskosität
Die Viskosität – der Fließwiderstand – variiert im Magma um viele Größenordnungen. Basaltisches Magma hat eine Viskosität ähnlich wie Honig bei Raumtemperatur; rhyolithisches Magma ist mehrere Millionen Mal viskoser und verhält sich eher wie Teer oder sogar fester Kunststoff. Diese Eigenschaft ist der entscheidende Faktor für den Eruptionsstil:
- Niedrige Viskosität → Gase entweichen leicht → ruhige Lavaströme
- Hohe Viskosität → Gase werden eingeschlossen → explosive Fragmentierung
Wie Magma entsteht
Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung ist der Erdmantel kein flüssiger Ozean aus Magma; er ist überwiegend festes Gestein, das über geologische Zeiträume plastisch fließt. Magma bildet sich nur unter spezifischen Bedingungen, wenn die Gesteinstemperatur den druckabhängigen Schmelzpunkt übersteigt.
1. Dekompressionsschmelze
Tritt an divergenten Plattengrenzen (mittelozeanische Rücken) und über Mantelplumes (Hotspots) auf. Wenn Mantelgestein aufsteigt, sinkt der Umgebungsdruck schneller als die Temperatur. Da der Schmelzpunkt von Gestein stark druckabhängig ist, überschreitet die Temperatur ab einem bestimmten Punkt den Schmelzpunkt – ohne dass externe Wärme zugeführt wird. Das Ergebnis ist basaltisches Magma.
2. Fluxschmelze (Flux Melting)
Tritt hauptsächlich an Subduktionszonen auf. Wenn eine ozeanische Platte in den Mantel abtaucht, geben ihre wassergesättigten Sedimente und Gesteine beim Erhitzen Wasser und andere Volatile frei. Dieses Wasser steigt in den heißen Mantelkeil über der sinkenden Platte auf. Wasser senkt den Schmelzpunkt von Mantelgestein erheblich – ähnlich wie Salz Eis schmilzt. Das Ergebnis ist typischerweise andesitisches Magma, reich an Volatilen und daher explosiv.
3. Wärmeübertragungsschmelze
Wenn heißes Mantelmagma in die Basis der kontinentalen Kruste injiziert wird, kann es das kieselsäurereiche kontinentale Gestein zum Schmelzen bringen. Das resultierende felsische Magma ist reich an SiO₂ und produziert die gefährlichsten, explosivsten Eruptionen.
Magma-Evolution: Von der Quelle zum Schlot
Magma behält selten seine ursprüngliche Zusammensetzung bei. Es verändert sich durch Magmatische Differenziation auf dem Weg von der Entstehungszone bis zur Oberfläche:
Fraktionierte Kristallisation
Beim Abkühlen in einer Magmakammer kristallisieren Hochtemperaturmineralien nacheinander aus und verändern die Restschmelze:
- Olivin (Mg₂SiO₄): kristallisiert zuerst, sinkt ab → Schmelze wird magnesiumärmer
- Pyroxen (MgSiO₃): folgt → Schmelze wird an Fe und Si relativ reicher
- Plagioklas (CaAl₂Si₂O₈): folgt → Schmelze wird an K und Si reicher
- Endprodukt kann zu Rhyolith werden
Diese Bowen’sche Reaktionsreihe (benannt nach dem Geochemiker N.L. Bowen, 1922) beschreibt die Abfolge der Mineralkristallisation und ist eines der grundlegendsten Konzepte der Petrologie.
Assimilation
Magma kann auf dem Aufstiegsweg umgebende Gesteine anlösen und aufnehmen. Dies verändert die Zusammensetzung und hinterlässt charakteristische Isotopensignaturen, die Geochemiker nutzen, um die Herkunftstiefe und den Aufstiegsweg zu rekonstruieren.
Magmamischung
Zwei verschiedene Magmakörper können sich in einer Kammer treffen. Ihre Durchmischung ist oft unvollständig und produziert hybride Zusammensetzungen oder „marmorierte” Texturen. Solche Mischungsereignisse können Ausbrüche auslösen.
Chemische Klassifizierung
Die internationale Klassifizierung von Magma und magmatischen Gesteinen basiert auf dem SiO₂-Gehalt:
| Typ | SiO₂ | Temperatur | Viskosität | Beispiel |
|---|---|---|---|---|
| Ultrabasisch | <45 % | >1.300 °C | Sehr niedrig | Komatiit, Picrit |
| Basisch (mafisch) | 45–52 % | 1.000–1.250 °C | Niedrig | Basalt, Gabbro |
| Intermediär | 52–63 % | 800–1.000 °C | Mittel | Andesit, Diorit |
| Sauer (felsisch) | >63 % | 650–800 °C | Hoch | Rhyolith, Granit |
Magma in der Zeit: Der Gesteinskreislauf
Magma ist kein Endprodukt, sondern Teil eines gigantischen Kreislaufs:
- Magma bricht aus → wird zu Lava → kühlt zu vulkanischem Gestein (Basalt, Rhyolith)
- Oder: Magma erstarrt tief → wird zu plutonischem Gestein (Granit, Gabbro)
- Diese Gesteine werden verwittert, erodiert und sedimentiert
- Sediment wird durch Subduktion oder Kollision tief in die Kruste gedrückt
- Bei ausreichend Druck und Hitze schmilzt es erneut zu Magma
Diese Rückkopplungsschleife hat über 4 Milliarden Jahre die Oberfläche der Erde kontinuierlich umgestaltet.
Magma im Sonnensystem
Magmatismus ist nicht einzigartig für die Erde. Die dunklen „Meere” (Maria) auf dem Mond sind riesige Ebenen aus altem basaltischem Magma. Auf dem Mars zeigen Rover-Analysen basaltische Zusammensetzungen. Io, ein Mond des Jupiters, ist der vulkanisch aktivste Körper im Sonnensystem: Durch Gezeitenkräfte wird sein Inneres ständig durchgeknetet, und es bricht ultraheiße Silikatmagmen bei bis zu 1.600 °C aus – heißer als jede irdische Lava.
Auf Eismond-Körpern wie Enceladus (Saturn) und Europa (Jupiter) wurde eine andere Art von „Magma” entdeckt: Kryomagma – matschiges Wasser mit Ammoniak oder Salzen – das durch Gezeitenwärme flüssig gehalten wird und aus Rissen in der Eisoberfläche austritt. Dies beweist, dass „Magma” nicht auf heiße Silikatschmelzen beschränkt ist, sondern ein Materiezustand ist, der durch seine Umgebung definiert wird.
Verwandte Begriffe
- Lava: Magma, das die Erdoberfläche erreicht hat.
- Magmakammer: Das unterirdische Reservoir, in dem Magma gespeichert und differenziert wird.
- Subduktionszone: Wichtigste Quelle von kieselsäurereichen, explosiven Magmen.
- Hotspot: Quelle primitiver, heißer basaltischer Magmen.