Mount Tambora: Der Vulkan, der die Welt veränderte - Ausbruch von 1815 & Das Jahr ohne Sommer
Entdecken Sie den größten Vulkanausbruch der aufgezeichneten Geschichte. Erfahren Sie, wie der Ausbruch des Mount Tambora im Jahr 1815 globale Abkühlung, Hungersnot und das 'Jahr ohne Sommer' verursachte.
Mount Tambora: Der Vulkan, der die Welt veränderte
Der Mount Tambora ist nicht nur ein Vulkan; er ist ein geologisches Monster, das einst die Macht hatte, die Sonne zu verdunkeln und den Lauf der Menschheitsgeschichte zu verändern. Der Tambora liegt auf der nördlichen Halbinsel der Insel Sumbawa in Indonesien und ist für den größten Vulkanausbruch der aufgezeichneten Menschheitsgeschichte verantwortlich – ein Ereignis, das so gewaltig war, dass es am anderen Ende der Welt globalen Klimawandel, Hungersnöte und soziale Umwälzungen verursachte.
Während der Krakatau (1883) aufgrund des Aufkommens des Telegrafen in der Populärkultur oft berühmter ist, war der Ausbruch des Tambora im Jahr 1815 wesentlich stärker. Er bleibt der Maßstab, an dem alle modernen vulkanischen Katastrophen gemessen werden.
Der schlafende Riese
Vor 1815 war der Mount Tambora ein majestätischer, hoch aufragender Stratovulkan. Er war etwa 4.300 Meter (14.100 Fuß) hoch und damit einer der höchsten Gipfel im indonesischen Archipel. Er diente Seeleuten als Orientierungspunkt und wurde von den Einheimischen als Wohnstätte von Geistern angesehen.
Jahrhundertelang blieb er inaktiv, während sich seine Magmakammer tief unter der Erde langsam mit immensem Druck füllte. Der Berg war von blühenden Dörfern umgeben, und das Königreich Tambora war für seinen Reichtum bekannt, der aus Pferden, Honig und Sandelholz stammte. Die Menschen lebten in dem Glauben, im wohlwollenden Schatten eines schlafenden Gottes zu sein. Sie hatten keine Ahnung, dass der “Gott” aufwachte.
Die Katastrophe von 1815
Der Ausbruch geschah nicht auf einmal. Er begann am 5. April 1815 mit donnernden Explosionen, die bis ins 1.260 km entfernte Batavia (Jakarta) zu hören waren. Britische Kolonialverwalter unter der Führung von Sir Stamford Raffles dachten zunächst, sie hörten Kanonenfeuer einer Seeschlacht, und setzten Schiffe ein, um nach Piraten zu suchen. Aber der wahre Horror sollte erst noch entfesselt werden.
Der Höhepunkt des Ausbruchs (10. April 1815)
Am Abend des 10. April riss sich der Berg auseinander. Drei riesige Feuersäulen stiegen in den Himmel und verschmolzen zu einer gewaltigen Explosion. Der ganze Berg verwandelte sich in eine fließende Masse aus “flüssigem Feuer”.
- VEI 7: Der Ausbruch wird auf dem Vulkanexplosivitätsindex als VEI 7 eingestuft. Zum Vergleich: Der Mount St. Helens (1980) war ein VEI 5. Der Tambora war etwa 100-mal stärker als der St. Helens und 10-mal stärker als der Krakatau.
- Säulenhöhe: Die Aschesäule stieg über 43 Kilometer (27 Meilen) in die Stratosphäre auf, durchstieß die Atmosphäre und verbreitete eine massive pilzförmige Wolke.
- Ausgestoßenes Material: Der Vulkan stieß schätzungsweise 160 Kubikkilometer Gestein, Asche und Bimsstein aus.
- Berg enthauptet: Der Ausbruch enthauptete den Berg. Er verlor über ein Drittel seiner Höhe und schrumpfte von 4.300 Metern auf seine heutige Höhe von etwa 2.850 Metern. An seiner Stelle blieb eine riesige Caldera zurück, 6-7 km breit und 1 km tief.
Sofortige Verwüstung
Die unmittelbaren Auswirkungen waren für die Insel Sumbawa apokalyptisch.
- Pyroklastische Ströme: Überhitzte Lawinen aus Gas und Asche rasten mit Hunderten von Stundenkilometern die Hänge hinunter und zerstörten das Königreich Tambora. Die Stadt Tambora wurde unter Bimsstein begraben, ähnlich wie Pompeji.
- Tsunamis: Die Ströme, die auf den Ozean trafen, lösten Tsunamis von bis zu 4 Metern Höhe aus und verwüsteten nahegelegene Inseln wie die Molukken und Ost-Java.
- Dunkelheit: Tagelang hüllte völlige Dunkelheit die Region ein, die bis zu 600 km entfernt reichte. Asche fiel wie schwerer Schnee und ließ Dächer auf nahegelegenen Inseln einstürzen.
- Todesopfer: Schätzungsweise 10.000 Menschen starben direkt durch den Ausbruch. Die nachfolgenden Krankheiten und Hungersnöte auf Sumbawa und Lombok forderten jedoch weitere 80.000 bis 90.000 Menschenleben, da die Asche alle Ernten zerstörte und die Wasserquellen vergiftete.
Das verlorene Königreich Tambora: Das Pompeji des Ostens
Fast zwei Jahrhunderte lang war das Königreich Tambora für die Geschichte verloren und existierte nur in alten Aufzeichnungen. Doch im Jahr 2004 machte ein Team von Archäologen unter der Leitung von Wissenschaftlern der University of Rhode Island und indonesischen Vulkanologen eine überraschende Entdeckung.
Sie fanden die Überreste des Dorfes Tambora, begraben unter 3 Metern pyroklastischer Ablagerungen.
- In der Zeit eingefroren: Sie fanden durch die Hitze verkohlte Häuser, Werkzeuge, Töpferwaren und Schmuck.
- Menschliche Überreste: Körper wurden in ihren letzten Momenten erstarrt gefunden – einer war eine Frau, die in ihrer Küche gefunden wurde, die Hand noch in der Nähe einer Glasflasche.
- Das fehlende Glied: Basierend auf den Artefakten und Sprachfragmenten, die Raffles vor dem Ausbruch aufgezeichnet hatte, glauben Wissenschaftler heute, dass das Volk der Tambora möglicherweise eine Sprache gesprochen hat, die mit der Mon-Khmer-Gruppe verwandt ist, was sie von ihren Nachbarn unterscheidet. Der Ausbruch löschte nicht nur ein Königreich, sondern eine ganze Kultur und Sprache aus.
Das Jahr ohne Sommer (1816)
Der Horror von Tambora machte an den indonesischen Grenzen nicht Halt. Der Ausbruch injizierte Millionen Tonnen Schwefeldioxid in die Stratosphäre, die oxidierten und Sulfat-Aerosole bildeten. Dies schuf einen globalen Schleier, der das Sonnenlicht reflektierte und den gesamten Planeten abkühlte.
Klimachaos in Europa und Nordamerika
Im Jahr 1816, dem Jahr nach dem Ausbruch, erlebte die nördliche Hemisphäre bizarres und zerstörerisches Wetter. Diese Zeit wurde als “Jahr ohne Sommer” bekannt.
- Schnee im Juli: In Neuengland (USA) und Kanada fiel im Juni, Juli und August Schnee. In Pennsylvania froren im Juli Flüsse zu. Bauern, die Getreide gepflanzt hatten, sahen es über Nacht durch Frost schwarz werden.
- Die braune Schweizer Hungersnot: Frost tötete Ernten in ganz Nordeuropa. In der Schweiz war die Hungersnot so schlimm, dass die Menschen dazu übergingen, Moos, Sauerampfer und Katzen zu essen. Es war die letzte große Subsistenzkrise in der westlichen Welt.
- Typhus-Epidemie: Die Hungersnot schwächte die Bevölkerung, was zu einem massiven Typhusausbruch in Irland und anderen Teilen Europas führte.
- Migration: Die Missernten in Neuengland lösten eine Massenmigration von Bauern in den Mittleren Westen aus und beschleunigten die Besiedlung der amerikanischen Grenze.
Kulturelles Erbe: Monster und Maschinen
Das düstere Wetter von 1816 hatte unerwartete kulturelle Nebenwirkungen, die unsere Welt heute prägen:
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Frankenstein und Der Vampyr: Eine Gruppe von Schriftstellern – Mary Shelley, Percy Bysshe Shelley, Lord Byron und John Polidori – machte Urlaub in der Villa Diodati in der Nähe des Genfersees. Gefangen im Haus durch den unaufhörlichen, kalten Regen und den düsteren Himmel, der durch Tambora verursacht wurde, beschlossen sie, einen Geistergeschichten-Wettbewerb zu veranstalten.
- Mary Shelley, inspiriert von den Galvanismus-Experimenten der Zeit und der dunklen Stimmung, schrieb Frankenstein.
- John Polidori schrieb Der Vampyr, die erste moderne Vampirgeschichte, die später Bram Stokers Dracula inspirierte.
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Das Fahrrad: Da Hafer aufgrund von Missernten ein Vermögen kostete, starben Pferde oder wurden gegessen. Der deutsche Erfinder Karl Drais brauchte einen Weg, seine Waldbestände ohne Pferd zu inspizieren. Er erfand die Laufmaschine oder “Draisine”, den zweirädrigen Vorfahren des Fahrrads.
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Atmosphärische Kunst: Die hohen Konzentrationen vulkanischer Asche in der Atmosphäre sorgten jahrelang für spektakuläre, lebendige Sonnenuntergänge. Diese blutroten und orangefarbenen Himmel sind in den Gemälden von J.M.W. Turner (wie Der Chichester-Kanal) und Caspar David Friedrich deutlich sichtbar.
Tambora Heute: Ein Trekking-Ziel
Heute ist der Mount Tambora ruhig, obwohl er offiziell noch aktiv ist. Das Gebiet wurde 2015 zum Nationalpark (Taman Nasional Gunung Tambora) erklärt, um sein einzigartiges Ökosystem und seine Geschichte zu schützen.
Wandern in der Caldera
Tambora ist jetzt ein Ziel für Hardcore-Abenteurer. Es ist kein einfacher Aufstieg wie Bromo oder Ijen.
- Die Routen: Es gibt zwei Haupt-Trekkingrouten.
- Die Doro Ncanga Route: Diese Route beginnt im Südwesten und ermöglicht es Geländewagen, die Hälfte des Berges zu erreichen. Von dort aus ist es eine relativ einfachere Wanderung durch die Savanne bis zum Rand.
- Die Pancasila Route: Die klassische, anstrengende Route aus dem Nordwesten. Sie erfordert 2-3 Tage Trekking durch dichte, blutegelverseuchte Regenwälder, bevor man auf das vulkanische Geröll gelangt.
- Die Aussicht: Am Rand der riesigen Caldera zu stehen – über 6 km breit und 1 km senkrecht abfallend – ist eine demütigende Erfahrung. Am Boden des Kraterbodens hat sich ein kleiner, türkisgrüner Smaragdsee gebildet, der von Regen und Quellen gespeist wird. Die Wände der Caldera zeigen die geologischen Schichten des alten Berges, die durch die Explosion aufgeschnitten wurden.
Die “Savanne von Sumba”
Die unteren Hänge des Tambora, besonders auf der Doro Ncanga-Seite, haben sich zu wunderschönen Savannen erholt. Herden von Wildpferden, Büffeln und Hirschen streifen hier umher. Es ist ein starker Kontrast zur Zerstörung von 1815 und zeigt die unglaubliche Fähigkeit der Natur zu heilen.
Überwachung
Der Vulkan wird vom Zentrum für Vulkanologie und Minderung geologischer Gefahren (PVMBG) überwacht. Kleinere seismische Aktivitäten sind häufig, aber seit 1880 (ein kleines Ereignis) sind keine größeren Ausbrüche aufgetreten. Der Riese schläft, aber seine Narbe auf dem Planeten – und in der Menschheitsgeschichte – bleibt dauerhaft.
Fazit
Der Mount Tambora dient als erschreckende Erinnerung an die Unbeständigkeit unseres Planeten. Ein einziger Berg in Indonesien konnte Flüsse in Pennsylvania gefrieren lassen, Bauern in der Schweiz verhungern lassen und die beständigsten Monster der englischen Literatur inspirieren. Den Tambora zu besuchen bedeutet, auf dem Gelände einer globalen Katastrophe zu wandeln, die jetzt von der Zeit beruhigt und mit Wildblumen bewachsen ist – ein Denkmal für die Kraft der Erde.
Technische Fakten auf einen Blick
- Standort: Insel Sumbawa, West-Nusa Tenggara, Indonesien
- Koordinaten: 8.247°S 117.992°E
- Höhe vor 1815: ~4.300 m (14.100 Fuß)
- Aktuelle Höhe: 2.850 m (9.350 Fuß)
- Caldera-Durchmesser: ~6-7 km
- 1815 VEI: 7 (Super-kolossal)
- Ausgestoßenes Volumen: ~160 km³ (DRE ~50 km³)
- Globaler Temperaturabfall: ~0,4–0,7 °C (global)
- Menschliche Todesopfer: ~90.000+