Ojos del Salado
Der höchste Vulkan der Erde und der zweithöchste Berg der westlichen Hemisphäre. Ein Riese in großer Höhe in der Atacama-Wüste, der den höchsten See der Welt beherbergt.
Der Nevado Ojos del Salado ist der König der Vulkane. Mit atemberaubenden 6.893 Metern ist er der höchste aktive Vulkan unseres Planeten und der zweithöchste Berg der westlichen Hemisphäre, nur übertroffen vom Aconcagua (6.961 m). An der trostlosen Grenze zwischen Chile und Argentinien gelegen, steht er als Wächter in der Puna de Atacama, einer hoch gelegenen Wüste, die oft mit der Marsoberfläche verglichen wird.
Sein Name, “Augen des Salzigen”, bezieht sich auf die massiven Salzablagerungen, die in Form von Lagunen oder “Augen” in seinen Gletschern und an seinen Hängen erscheinen. Trotz seiner immensen Höhe ist der Ojos del Salado berühmt dafür, “trocken” zu sein. Die Region ist so dürr, dass selbst auf fast 7.000 Metern oft nur sehr wenig dauerhafte Schneedecke vorhanden ist, besonders im Sommer.
Geographische Extreme: Mars auf Erden
Der Ojos del Salado befindet sich in einer der härtesten Umgebungen der Erde. Die Atacama-Wüste ist der trockenste nicht-polare Ort der Welt.
- Das Klima: Der Berg liegt in den “Trockenen Anden”. Niederschläge sind unglaublich selten. Die Luft ist dünn und staubtrocken. Winde können ohne Vorwarnung Orkanstärke (über 100 km/h) erreichen und die gefühlten Temperaturen selbst im Sommer auf tödliche -30°C senken.
- Der höchste See: Im Gipfelkrater, auf einer Höhe von etwa 6.390 Metern, liegt ein permanenter Kratersee. Er hat nur 100 Meter Durchmesser, hält aber den Guinness-Weltrekord für den höchsten See jeglicher Art auf der Erde.
- Fahrzeugrekorde: Da die Hänge sandig sind und die tückischen Gletscherspalten vergletscherter Gipfel fehlen, ist der Ojos del Salado der Schauplatz für Höhenweltrekorde für Fahrzeuge. Im Jahr 2020 kletterte ein modifizierter Unimog auf 6.694 Meter und setzte damit einen neuen Maßstab für das Fahren in großen Höhen.
Klettergeschichte
Der Berg ist riesig, blieb aber aufgrund seiner abgelegenen Lage bis ins 20. Jahrhundert für die Außenwelt relativ unbekannt.
- Erstbesteigung: Die erste erfolgreiche Besteigung gelang am 26. Februar 1937 den Mitgliedern der polnischen Expedition Jan Alfred Szczepański und Justin Wojsznis. Sie näherten sich von der argentinischen Seite und navigierten durch unbekanntes Gebiet.
- Die “Aktiv”-Debatte: Jahrelang gab es Debatten darüber, ob der Ojos aktiv oder erloschen sei. Das Vorhandensein von Fumarolen (Dampfschloten) und ein starker Schwefelgeruch in der Nähe des Gipfels bewiesen, dass der Riese nur schläft. Der letzte große Ausbruch fand um 750 n. Chr. +/- 300 Jahre statt.
- Modernes Bergsteigen: Heute ist der Ojos del Salado einer der “Volcanic Seven Summits” (der höchste Vulkan auf jedem Kontinent) und zieht jede Saison Hunderte von Bergsteigern an.
Der Aufstieg: Zwei Gesichter eines Riesen
Bergsteiger können den Gipfel entweder von Chile oder von Argentinien aus versuchen. Die Erfahrungen sind sehr unterschiedlich.
Die chilenische Route (Die Normalroute)
Dies ist der beliebteste und “einfachste” Weg, den Ojos del Salado zu besteigen.
- Logistik: Der Ansatz beginnt in der Stadt Copiapó. Er beinhaltet eine lange Fahrt in die Wüste, vorbei an der atemberaubenden Laguna Santa Rosa und Laguna Verde.
- Lager:
- Refugio Murray (4.525 m): Eine alte Berghütte, die oft zur ersten Akklimatisierung genutzt wird.
- Refugio Atacama (5.260 m): Erreichbar mit starken 4x4-Fahrzeugen. Dies dient vielen als Basislager.
- Refugio Tejos (5.830 m): Eine Hütte im Containerstil, die die höchste Berghütte in Chile ist.
- Der Aufstieg: Von Tejos aus ist es eine lange, zermürbende Schinderei über Geröll und Vulkanaschehänge. Das Gelände ist nicht technisch, aber aufgrund der Höhe körperlich verheerend. Die letzten 50 Meter zum wahren Gipfel beinhalten eine ausgesetzte Felskletterei (Grad II/III UIAA) und eine Querung, die oft Seile zur Sicherheit erfordert.
Die argentinische Route
Der Ansatz von Fiambalá in Catamarca ist wilder, länger und völlig ohne Unterstützung.
- Abgelegene Wildnis: Es gibt keine Hütten. Bergsteiger müssen völlig autark sein und alle Zelte, Lebensmittel und Wasser tragen. Maultiere werden oft verwendet, um Ausrüstung zum Basislager zu transportieren.
- Die Landschaft: Diese Route gilt als landschaftlich schöner, führt durch farbenfrohe Täler und bietet ein Gefühl der Isolation, das der chilenischen Seite fehlt. Die Logistik ist jedoch weitaus komplexer.
Geologie und Vulkanologie
Der Ojos del Salado ist ein komplexer Stratovulkan, der auf einer Basis älterer Ignimbrite aufgebaut ist.
- Zusammensetzung: Die Laven sind hauptsächlich dacitisch und rhyodacitisch, reich an Kalium. Dieser hohe Siliziumdioxidgehalt macht die Lava viskos und dickflüssig, was die steilen Dome in der Nähe des Gipfels erklärt.
- Fumarolische Aktivität: Obwohl es keinen historischen Ausbruch mit Lavastrom gab, kam es 1993 zu einer kleinen Ascheemission. Die Fumarolen am Gipfelkrater sind aktiv und stoßen unterschiedliche Mengen an Dampf und Schwefelgasen aus, was die darunter liegende magmatische Wärmequelle bestätigt.
Praktische Informationen für Bergsteiger
- Beste Jahreszeit: Die Klettersaison ist kurz: Dezember bis März. Außerhalb dieses Fensters bringt der südliche Winter brutale Kälte und tiefen Schnee (paradoxerweise fällt der meiste Schnee im Winter, obwohl es eine Wüste ist).
- Genehmigungen:
- Chile: Seit 2004 ist eine Genehmigung der DIFROL (Dirección de Fronteras y Límites del Estado) erforderlich, da es sich um eine Grenzzone handelt. Sie ist kostenlos, aber obligatorisch.
- Argentinien: Genehmigungen sind bei den lokalen Behörden in Fiambalá erforderlich.
- Akklimatisierung: Dies ist der Schlüssel zum Erfolg. Man kann den Ojos del Salado nicht einfach überstürzen. Ein Standardplan erfordert 10-14 Tage. Bergsteiger verbringen oft eine Woche damit, sich auf kleineren 6000er-Gipfeln wie dem San Francisco oder Vicuña zu akklimatisieren, bevor sie den Hauptgipfel versuchen.
- Ausrüstung: Doppelschuhe (z. B. La Sportiva Olympus Mons oder ähnlich) sind unerlässlich. Auch wenn kein Schnee liegt, saugt der kalte Boden die Wärme aus den Füßen. Daunenanzüge oder schwere Daunenparkas sind für den Gipfeltag erforderlich.
- Wasser: Wasser ist die größte logistische Herausforderung. Auf der chilenischen Seite ist die Laguna Verde Salzwasser (nicht trinkbar). Sie müssen alles Frischwasser aus Copiapó mitbringen oder Schnee/Eis schmelzen, das in höheren Lagern zu finden ist (was nicht immer garantiert ist).
Fazit
Der Ojos del Salado ist ein Test der reinen Ausdauer. Es ist kein technisch schwieriges Bergsteigen, aber es ist Leiden in großer Höhe vom Feinsten. Wenn man auf dem Gipfel steht und in der dünnen Atmosphäre nach Luft schnappt, blickt man auf eine Landschaft, die sich seit Millionen von Jahren nicht viel verändert hat. Es ist ein Ort der Stille, des Windes und der immensen Größe – ein würdiger Thron für den König der Vulkane.