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Mount Nyiragongo

Ein gefährlicher und spektakulärer Vulkan im Kongo, berühmt für seinen riesigen Lavasee und extrem flüssige Lava.

Standort Nord-Kivu, DR Kongo
Höhe 3470 m
Typ Stratovulkan
Letzter Ausbruch 2021 (Große Flankeneruption)

Mount Nyiragongo: Die gefährlichste Lava der Welt

Der Mount Nyiragongo ist einer der schönsten und tödlichsten Vulkane der Welt. Er liegt in den Virunga-Bergen der Demokratischen Republik Kongo und ragt nur 12 Kilometer (7,5 Meilen) nördlich der Stadt Goma auf, einem weitläufigen urbanen Zentrum mit über 1,5 Millionen Einwohnern.

Der Nyiragongo ist berühmt dafür, den weltweit größten und beständigsten Lavasee zu beherbergen. Seit Jahrzehnten hypnotisiert dieser brodelnde Kessel aus geschmolzenem Gestein Wissenschaftler und Abenteurer und leuchtet nachts wie ein Leuchtfeuer über dem Regenwald in den Himmel. Die Schönheit des Vulkans verbirgt jedoch ein schreckliches Geheimnis: Seine Lava ist anders als fast jede andere auf der Erde. Ultraflüssig und brennend heiß kann sie schneller fließen als ein Auto auf einer Autobahn, was den Nyiragongo zu einer einzigartigen geologischen Bedrohung macht.

Geologische Ursprünge: Der Albert-Graben

Der Nyiragongo ist ein steiler Stratovulkan, der sich auf 3.470 Meter (11.385 Fuß) erhebt. Seine Gewalt entsteht aus seiner Lage im Albert-Graben (Albertine Rift), dem westlichen Zweig des Ostafrikanischen Grabensystems.

  • Tektonischer Riss: Hier reißt der afrikanische Kontinent langsam auseinander. Während die Nubische und die Somalische Platte auseinanderdriften, dünnt die Erdkruste aus, wodurch tiefes, unberührtes Mantelmaterial an die Oberfläche steigen kann.
  • Die Virunga-Kette: Der Nyiragongo ist einer von acht Vulkanen im Virunga-Massiv, zu dem auch sein aktiver Nachbar Nyamuragira (Afrikas aktivster Vulkan) und die ruhenden Vulkane Mount Karisimbi und Mount Mikeno gehören. Während die meisten dieser Vulkane ruhen, sind Nyiragongo und Nyamuragira für 40 % aller historischen Vulkanausbrüche in Afrika verantwortlich.

Die Chemie der Geschwindigkeit: “Rennwagen”-Lava

Die meisten Stratovulkane wie Mount St. Helens oder der Vesub eruptieren dicke, klebrige Lava, die reich an Siliziumdioxid ist. Diese Lava bewegt sich langsam, wie Zahnpasta oder Honig. Der Nyiragongo ist das Gegenteil.

  • Foiditische Lava: Seine Lava wird chemisch als foiditisch (spezifisch Nephelinit oder Melilithit) klassifiziert. Sie enthält außergewöhnlich geringe Mengen an Siliziumdioxid und ist reich an Alkalimetallen wie Natrium und Kalium.
  • Mineralmangel: Die Lava ist im Wesentlichen frei von Feldspaten, den häufigen gesteinsbildenden Mineralien, die in den meisten vulkanischen Gesteinen vorkommen. Stattdessen wird sie von Mineralien wie Nephelin, Leucit und Melilith dominiert.
  • Das Ergebnis: Diese chemische Zusammensetzung verleiht der Lava eine unglaublich niedrige Viskosität (Zähigkeit). Sie hat eine Konsistenz, die eher Wasser oder Motoröl ähnelt als geschmolzenem Gestein.
  • Die Gefahr: Wenn die Kraterwände brechen, kann diese flüssige Lava die 40-Grad-Hänge mit Geschwindigkeiten von bis zu 100 km/h (60 mph) hinabrasen. Bei den meisten Vulkanausbrüchen kann man vor der Lava davonlaufen. Am Nyiragongo kann man ihr nicht einmal davonfahren. Diese extreme Geschwindigkeit macht sie für die unten lebenden Bevölkerungen einzigartig tödlich.

Die Feuergrube: Entwicklung des Lavasees

Während eines Großteils des 20. Jahrhunderts enthielt der Gipfelkrater des Nyiragongo (der 1,2 km breit ist) einen massiven, kochenden Lavasee.

  • Terrassen: Der See existiert oft auf verschiedenen Ebenen und bildet Terrassen aus erstarrter schwarzer Lava im Inneren des Kraters, die wie Badewannenringe aussehen.
  • Konvektion: Der See wird durch einen kontinuierlichen “konvektiven Umschlag” erhalten. Heißes, gasreiches Magma steigt aus dem tiefen Leitungssystem auf, entgast an der Oberfläche (was Fontänen und Blasen erzeugt), kühlt ab, um eine dünne schwarze Kruste zu bilden, und sinkt wieder ab. Dieser Zyklus hält den See in einem ständigen Bewegungszustand.
  • Licht und Ton: Beobachter beschreiben das Geräusch des Sees als ein ständiges, krachendes Dröhnen, wie Brandung an einem Strand. Nachts beleuchtet das rote Leuchten die Wolkendecke über dem Berg, sichtbar aus Entfernungen von über 50 Kilometern.

Eruptionsgeschichte: Tragödie in Goma

Der Nyiragongo fungiert als riesiger Eimer. Er füllt sich über Jahrzehnte langsam mit Lava und hebt den Pegel des Lavasees an. Schließlich lässt der immense Druck der Magmasäule die Seiten des Eimers (die Flanken des Vulkans) reißen, was zu einem katastrophalen Entleerungsereignis führt.

Die Katastrophe von 1977

Am 10. Januar 1977 brachen die Kraterwände. In weniger als einer Stunde entleerte sich der gesamte Lavasee (mit etwa 22 Millionen Kubikmetern Gestein).

  • Die Geschwindigkeit: Die Ströme bewegten sich mit geschätzten Geschwindigkeiten von 60 mph (ca. 96 km/h), wohl die schnellsten jemals in der Geschichte aufgezeichneten Lavaströme.
  • Der Tribut: Die Lava überrollte Dörfer an den Hängen, bevor die Menschen aufwachen konnten. Die offizielle Zahl der Todesopfer lag bei 70, aber unbestätigte Berichte deuten darauf hin, dass Hunderte oder sogar Tausende gestorben sein könnten. Es war ein Weckruf für die Welt bezüglich der einzigartigen Gefahr des Nyiragongo.

Der Ausbruch von 2002

Am 17. Januar 2002 entfaltete sich das Albtraumszenario erneut. Spalten öffneten sich tief an der Südflanke und schickten Lavaströme direkt nach Goma.

  • Städtische Zerstörung: Die Lava schnitt die Stadt in zwei Hälften und floss wie Wasser durch die Straßen. Sie zerstörte 13 % von Goma, einschließlich des Handelszentrums und des nördlichen Drittels der Landebahn des internationalen Flughafens.
  • Bedrohung des Kiwusees: Die Ströme erreichten den Kiwusee, was Ängste vor einer Dampfexplosion oder einer limnischen Eruption (Freisetzung von erstickendem Gas) schürte.
  • Vertreibung: Etwa 250 Menschen starben (hauptsächlich durch Kohlendioxid-Erstickung oder einstürzende Gebäude), und Hunderttausende flohen ins benachbarte Ruanda.

Der Ausbruch von 2021: Ein Überraschungsangriff

Nach Jahren des Wiederauffüllens des Lavasees brach der Nyiragongo am Abend des 22. Mai 2021 erneut aus.

  • Keine Warnung: Im Gegensatz zu früheren Ereignissen gab es nur wenige seismische Vorboten. Zwei Spalten öffneten sich an den Südhängen.
  • Die Panik: Der rote Himmel löste in Goma sofortige Panik aus. Tausende schnappten sich Matratzen und Kinder und flohen zu Fuß in Richtung der ruandischen Grenze.
  • Die Auswirkungen: Die Lava zerstörte rund 3.600 Häuser und Schulen. Sie überquerte eine Hauptstraße und schnitt Hilfsrouten ab. Kritischerweise stoppte sie nur wenige Meter vor dem internationalen Flughafen Goma und der Stadtgrenze von Buheme.
  • Seismische Krise: Die wahre Gefahr kam nach dem Ausbruch. Tagelang erschütterten heftige Erdbeben die Region, während sich Magma unterirdisch weiter in Richtung Kiwusee bewegte. Risse öffneten sich mitten in den Straßen von Goma. Die Behörden ordneten eine vollständige Evakuierung der Stadt (400.000 Menschen) an, aus Angst vor einer massiven Explosion oder Gasfreisetzung. Glücklicherweise klang die Aktivität ohne die gefürchtete “limnische Eruption” ab.

Mazuku: Der stille Killer

Während die Lava die Schlagzeilen macht, ist das unsichtbare Gas oft tödlicher. Der Nyiragongo stößt massive Mengen an Kohlendioxid (CO2) aus.

  • Böser Wind: CO2 ist schwerer als Luft. Es sickert durch Risse aus dem Boden und fließt bergab, wobei es sich in Senken, Kellern und Mulden relativ zum Boden sammelt. Die Einheimischen nennen diese Gastaschen Mazuku, was auf Swahili “Böser Wind” bedeutet.
  • Die Falle: Mazuku-Taschen sind geruch- und farblos. Kinder, die in einer Senke spielen, oder Menschen, die in betroffenen Gebieten auf dem Boden von Hütten schlafen, können einfach einschlafen und nie wieder aufwachen.
  • Erkennung: Hohe Konzentrationen (>1 %) verursachen Schwindel und Verwirrung. Höhere Konzentrationen (>10 %) führen zu sofortiger Bewusstlosigkeit und Tod durch Ersticken. Das Gas tötet auch Vieh und Vögel.
  • Ziegen als Kanarienvögel: In einigen Gebieten nutzen Einheimische Ziegen, um die Sicherheit einer Senke zu testen. Wenn die Ziege zusammenbricht, ist Mazuku vorhanden. Heute arbeiten Wissenschaftler daran, diese Zonen zu kartieren und Warnschilder aufzustellen.

Virunga-Nationalpark: Naturschutz in einem Kriegsgebiet

Der Nyiragongo liegt im Virunga-Nationalpark, Afrikas ältestem Nationalpark (gegründet 1925) und UNESCO-Weltkulturerbe.

  • Biodiversität: Der Park ist berühmt für seine gefährdeten Berggorillas, die an den ruhenden Hängen der nahe gelegenen Berge Mikeno und Karisimbi leben. Die dichten Regenwälder rund um den Nyiragongo beherbergen auch Schimpansen, Waldelefanten und das endemische Dreihornchamäleon.
  • Konflikt: Die Region wird seit Jahrzehnten von bewaffneten Konflikten geplagt. Rebellengruppen nutzen die dichten Wälder oft als Verstecke. Parkranger (der ICCN) sind die erste Verteidigungslinie und riskieren oft ihr Leben, um den Park und die Touristen zu schützen. Hunderte von Rangern wurden in den letzten 20 Jahren im Dienst getötet.

Überwachung und das OVG

Das Vulkanobservatorium Goma (OVG) hat einen der härtesten Jobs in der Wissenschaft.

  • Herausforderungen: Sie überwachen einen hochgefährlichen Vulkan in einem Konfliktgebiet, oft mit sporadischer Finanzierung und alter Ausrüstung. Die Plünderung von Seismometern durch Rebellen ist ein ständiges Risiko.
  • Heldentum: Trotzdem steigen lokale Wissenschaftler weiterhin auf den Vulkan, um Gasemissionen und Temperaturen zu messen. Ihre Arbeit liefert das einzige Warnsystem für die Millionen von Menschen, die in Goma und Gisenyi (Ruanda) leben.
  • Techniken: Sie nutzen seismo-akustische Netzwerke, um auf Steinschläge im Inneren des Kraters zu hören, und InSAR (Satellitenradar), um zu messen, ob sich der Boden mit Magma aufbläht.

Tourismus: Trekking am Abgrund

Vor dem Ausbruch von 2021 und den jüngsten Sicherheitsschließungen galt das Trekking auf den Nyiragongo als das ultimative afrikanische Abenteuer.

  • Der Aufstieg: Die Wanderung beinhaltet einen steilen 4-6-stündigen Anstieg durch drei verschiedene Vegetationszonen: Regenwald, alpines Moorland und rohe Lavafelder.
  • Die Gipfelhütten: Kleine A-förmige Holzhütten wurden direkt am Kraterrand gebaut. Besucher verbrachten die Nacht hier, frierend in der kalten Höhenluft, während sie von der Strahlungswärme des Lavasees gewärmt wurden, die aus der Grube heraufstieg.
  • Aktueller Status: Stand Ende 2025/Anfang 2026 bleibt der Tourismus aufgrund der volatilen Sicherheitslage in Nord-Kivu und der Instabilität des Kraters nach dem Ausbruch stark eingeschränkt. Zukünftige Reisende müssen sich bei den Behörden des Virunga-Nationalparks erkundigen.

Fazit

Der Mount Nyiragongo ist ein geologisches Paradoxon. Er ist ein Ort von hypnotischer Schönheit, der eine der spektakulärsten Lichtshows der Natur schafft. Doch er hängt wie ein Damoklesschwert über einer der am schnellsten wachsenden Städte Afrikas. Seine flüssige Lava und sein stilles Gas dienen als ständige Erinnerung daran, dass die Erde im Großen Grabenbruch immer noch im Bau ist, und es ist eine Baustelle, die höchsten Respekt erfordert.

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