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Mount Melbourne

Ein gefrorenes Paradoxon in der Antarktis, wo geothermische Hitze geheime Eishöhlen und üppige Moosgärten inmitten einer polaren Wüste schafft.

Standort Viktorialand, Antarktis
Höhe 2732 m
Typ Stratovulkan
Letzter Ausbruch 1892 (Geschätzt)

Mount Melbourne: Das Feuer unter dem Eis

In der gefrorenen Wildnis von Nord-Viktorialand in der Antarktis steht ein Widerspruch. Der Mount Melbourne ist ein massiver, eisbedeckter Stratovulkan, der aus der Ferne wie jeder andere Gipfel im Transantarktischen Gebirge aussieht. Aber der Melbourne lebt. Während der Rest des Kontinents in einem tiefen Frost gefangen ist, beherbergt dieser Berg ein geheimes geologisches Herz, das Hitze an die Oberfläche pumpt und eine der surrealsten und wissenschaftlich bedeutendsten Umgebungen der Erde schafft.

Mit einer Höhe von 2.732 Metern (8.963 Fuß) über dem Rossmeer ist der Mount Melbourne nicht berühmt für riesige Aschewolken oder fließende Lavaströme – zumindest nicht in jüngster Erinnerung. Stattdessen ist er berühmt für seine fumarolischen Eistürme und seine kryptogamen Gärten. Hier, am kältesten Ort des Planeten, hat vulkanischer Dampf labyrinthische Höhlen unter dem Eis ausgehöhlt, und geothermische Wärme erhält üppige Flecken von grünem Moos, die jahrhundertelang isoliert überlebt haben. Es ist eine biologische Zeitkapsel und ein geologisches Wunder, ein Ort, an dem Feuer und Eis in einem feinen, lebenserhaltenden Tanz aufeinandertreffen.

Geologischer Rahmen: Der Terror Rift

Der Mount Melbourne ist ein Hauptakteur der McMurdo Volcanic Group.

  • Der Graben: Er liegt auf dem Terror Rift, einem bedeutenden tektonischen Merkmal innerhalb des Westantarktischen Riftsystems. Hier wird die Erdkruste langsam auseinandergezogen, was dem Magma ermöglicht, zur Oberfläche aufzusteigen.
  • Die Nachbarn: Er ist Teil einer Vulkanprovinz, zu der auch der aktive Mount Erebus im Süden gehört. Im Gegensatz zum kontinuierlichen Lavasee des Erebus zeichnet sich der Melbourne jedoch durch eine “ruhende” Phase aus, wobei seine Kraft unter einer dicken Eiskappe verborgen bleibt.
  • Struktur: Der Berg ist ein klassischer Stratovulkan, der über Schichten aus basaltischen und trachytischen Strömen aufgebaut ist. Er ist fast vollständig in Eis eingeschlossen, was seine wahre Form maskiert. Nur der Gipfelkrater und einige Satellitenschlote durchbrechen das weiße Leichentuch.

Cryptogam Ridge: Ein Gewächshaus im Tiefkühlfrost

Das erstaunlichste Merkmal des Mount Melbourne ist der Cryptogam Ridge (Kryptogamen-Rücken).

  • Die Anomalie: Die Antarktis ist eine Polarwüste. Pflanzen sind phänomenal selten, meist beschränkt auf widerstandsfähige Flechten an Küstenfelsen. Doch hoch an den Hängen des Melbourne gibt es Bodenflächen, die vor Hitze dampfen.
  • Geothermische Heizung: Die Bodentemperatur kann hier 40°C bis 50°C (104°F bis 122°F) erreichen, geheizt durch die Magmakammer darunter. Dies verhindert, dass sich Schnee ansammelt, und schafft ein Mikroklima permanenter Wärme.
  • Die Grüne Insel: Diese Wärme erhält eine gedeihende Gemeinschaft von Kryptogamen – Pflanzen, die sich durch Sporen statt Samen vermehren. Spezifisch wachsen hier üppige Matten des Mooses Campylopus pyriformis und des Lebermooses Cephaloziella varians.
  • Einzigartige Genetik: Genetische Analysen zeigen, dass diese Moose sich von ähnlichen Arten unterscheiden, die anderswo gefunden wurden. Sie haben sich isoliert entwickelt, gefangen auf dieser warmen vulkanischen Insel in einem Meer aus Eis. Einige Wissenschaftler glauben, dass sie die letzte Eiszeit genau hier überlebt haben, zusammengekauert um die vulkanischen Schlote, während der Rest des Kontinents von Gletschern ausgelöscht wurde.

Besonders geschütztes Gebiet der Antarktis (ASPA 118)

Aufgrund dieser Zerbrechlichkeit ist der Gipfelbereich als ASPA 118 ausgewiesen.

  • Strikter Schutz: Der Zutritt wird streng kontrolliert. Wissenschaftler müssen sterile Schutzkleidung (oft “Bunny Suits” genannt) tragen, um sicherzustellen, dass sie keine fremden Sporen oder Bakterien einführen.
  • Die Bedrohung: Wenn eine nicht-heimische Art (wie ein gewöhnliches europäisches Moos) eingeführt würde, könnte sie im warmen Boden gedeihen und die einzigartigen alten Moose des Melbourne auslöschen. Das Gebiet ist eine “biologische Nullzone”.

Die Eishöhlen: Ein unterirdisches Labyrinth

Wenn das Moos das Wunder über dem Boden ist, sind die Eishöhlen das Wunder darunter.

  • Entstehung: Geothermischer Dampf steigt aus Fumarolen (Schloten) im Grundgestein auf. Wenn dieser heiße Dampf auf die Unterseite der Eiskappe trifft, schmilzt er das Eis und schafft Kavernen.
  • Türme und Kamine: Wenn der Dampf durch Risse zur Oberfläche entweicht, trifft er auf die eisige antarktische Luft (oft -30°C). Er sublimiert und gefriert sofort und baut zarte, hohle Eistürme um die Schlote auf. Einige dieser fumarolischen Eistürme können mehrere Meter Höhe erreichen und stehen wie geisterhafte Wächter am Kraterrand.
  • In den Höhlen: Forscher (hauptsächlich Wissenschaftler), die sich in diese Höhlen hinabgelassen haben, beschreiben eine magische Welt. Die Wände sind durch langes Schmelzen wellenförmig, Kristallformationen hängen von den Decken, und die Luft ist dick vom Geruch nach Schwefel – ein starker Kontrast zur sterilen, geruchlosen Luft der antarktischen Oberfläche.
  • Ein Mars-Analogon: Diese Höhlen sind von großem Interesse für Astrobiologen. Sie simulieren Bedingungen, die auf dem Mars oder eisigen Monden wie Enceladus und Europa existieren könnten. Wenn Leben in der warmen, dunklen, feuchten Grenzfläche zwischen Vulkangestein und Polareis auf der Erde existieren kann, könnte es anderswo im Sonnensystem existieren?

Die Erebus-Verbindung: Eine Geschichte zweier Vulkane

Der Mount Melbourne wird oft von seinem berühmteren südlichen Nachbarn, dem Mount Erebus, in den Schatten gestellt. Doch das Verständnis des einen hilft, den anderen zu verstehen.

  • Tektonische Zwillinge: Beide Vulkane liegen auf demselben Terror-Rift-System und fungieren als Druckventile für die Erdkruste in der Antarktis.
  • Kontrastierende Persönlichkeiten: Der Erebus ist ein Vulkan mit offenem Schlot und einem beständigen Lavasee (eine Seltenheit auf der Erde). Er “atmet” ständig und stößt eine Gasfahne aus. Der Melbourne hingegen ist ein “verstopftes” System. Er hat keinen offenen Lavasee. Seine Hitze ist gefangen, weshalb er so ausgedehnte Eishöhlen und fumarolische Türme statt einer Fahne bildet.
  • Magmatypen: Der Erebus eruptiert Phonolith-Lava, während die Geschichte des Melbourne eine Mischung aus Trachyt und Basalt zeigt. Dieser chemische Unterschied beeinflusst ihre Eruptionsstile. Der Erebus ist strombolianisch (mild explosiv), während der Melbourne das Potenzial für gefährlichere, plinianische explosive Eruptionen hat, wenn der Druck zu hoch wird.

Glaziologie und der Campbell-Gletscher

Die Wechselwirkung zwischen der Hitze des Vulkans und dem umgebenden Eis ist komplex.

  • Der Campbell-Gletscher: Nördlich des Vulkans fließt der massive Campbell-Gletscher. Der Vulkan wirkt als topographische Barriere und zwingt das Eis, um ihn herumzufließen. Diese Umleitung schafft riesige Gletscherspalten und Eisfälle, die eine Annäherung an den Berg von Norden fast unmöglich machen.
  • Subglaziale Eruptionen: Hinweise deuten darauf hin, dass der Melbourne in der Vergangenheit unter dem Eis ausgebrochen ist. Ein “Tuya” oder subglazialer Vulkan entsteht, wenn Lava auf Eis trifft, was oft abgeflachte Berge oder Haufen von “Kissenlava” schafft. Das schnelle Schmelzen, das durch eine solche Eruption heute verursacht würde, könnte den Campbell-Gletscher destabilisieren und den Eisabfluss in den Ozean erhöhen.
  • Eisbeben: Der Wärmefluss vom Berg schmiert die Basis der Gletscher. Dies kann dazu führen, dass das Eis schneller gleitet, was einzigartige seismische Signaturen erzeugt, die als Eisbeben (Icequakes) bekannt sind. Die Überwachung dieser hilft Wissenschaftlern, zwischen tektonischer Bewegung und vulkanischer Unruhe zu unterscheiden. Die Analyse dieser Eisbeben liefert einen “CT-Scan” des subglazialen Terrains.

Menschliche Geschichte und Erforschung

  • Entdeckung: Der Berg wurde 1841 von James Clark Ross entdeckt, dem legendären Polarforscher, der auch den Mount Erebus entdeckte. Er benannte ihn nach Lord Melbourne, dem damaligen britischen Premierminister.
  • Erstbesteigung: Erst 1967 erreichte eine neuseeländische Gruppe unter der Leitung von R.M. Ford den Gipfel. Sie waren es, die erstmals über den “warmen Boden” und den seltsamen Anblick von grünem Moos berichteten, das in der leblosen weißen Leere wuchs.
  • Nahegelegene Stationen: Die Region ist ein Forschungszentrum.
    • Mario-Zucchelli-Station (Italien): Liegt an der Terra Nova Bay, direkt südlich des Vulkans. Sie ist im Sommer in Betrieb.
    • Jang-Bogo-Station (Südkorea): Eine moderne ganzjährige Station, ebenfalls an der Terra Nova Bay.
    • Gondwana-Station (Deutschland): Ein sommerliches Logistikzentrum.
    • Diese Stationen nutzen den Mount Melbourne als primären Forschungsstandort und überwachen seine Seismizität und Gasemissionen.

Vulkanische Gefahren in der Antarktis

Man könnte denken, ein Vulkan in der Antarktis sei harmlos, weil dort niemand lebt. Das ist falsch.

  • Asche und Luftfahrt: Das Hauptrisiko besteht für die Luftfahrt. Die Antarktis ist für die Logistik stark auf Flugreisen angewiesen (C-130 Hercules-Flüge, Hubschrauber). Eine Aschewolke vom Melbourne würde alle Flüge im Sektor des Rossmeeres am Boden halten und potenziell Hunderte von Wissenschaftlern stranden lassen sowie Versorgungslinien abschneiden.
  • Tephra-Schichten: In der Nähe gebohrte Eiskerne enthüllen Schichten von Tephra (Vulkanasche) vom Melbourne, was beweist, dass er in der relativ jüngeren Vergangenheit (wahrscheinlich um 1892) explosive Eruptionen hatte.
  • Schmelzen: Eine große Eruption könnte Millionen Tonnen Eis blitzartig schmelzen und katastrophale Jökulhlaups (Gletscherläufe) erzeugen, die durch die an der Küste darunter liegenden Forschungsstationen fegen könnten.

Die Zukunft: Überwachung eines schlafenden Riesen

Wacht der Mount Melbourne auf?

  • Jüngste Anzeichen: In den letzten Jahrzehnten haben Satellitenüberwachung (InSAR) und Bodensensoren Perioden der Bodendeformation entdeckt – der Berg atmet.
  • Gasemissionen: Es wurde eine Zunahme der Intensität der fumarolischen Aktivität beobachtet. Dies könnte ein normaler Zyklus sein, oder es könnte darauf hindeuten, dass frisches Magma in das flache Reservoir strömt.
  • Die Herausforderung: Die Überwachung eines Vulkans in der Antarktis ist ein logistischer Albtraum. Solarpaneele fallen in der 6-monatigen Winternacht aus. Batterien gefrieren. Windstürme zerstören Instrumente. Doch die internationale Gemeinschaft (angeführt von Italienern und Koreanern) hält Wache und lauscht dem Herzschlag des Feuers unter dem Eis.

Fazit

Der Mount Melbourne zerstört das Stereotyp der Antarktis als statischen, toten Kontinent. Er ist eine dynamische, sich entwickelnde Landschaft, in der das innere Feuer des Planeten Oasen des Lebens in einer gefrorenen Wüste schafft. Von den zarten Moosen des Cryptogam Ridge bis zur außerirdischen Schönheit seiner Eishöhlen dient er als Labor für die Extreme der Existenz. Er ist eine Erinnerung daran, dass die Natur selbst in den unwirtlichsten Ecken der Welt einen Weg findet, Wärme und Leben zu erhalten.

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