Gunung Kelud: Der explosive Kampf gegen einen See
Kelud in Java ist berüchtigt für seine tödlichen Lahare und den Ingenieurskampf, seinen Kratersee trockenzulegen. Entdecken Sie die Legende von Lembu Suro, das Ananas-Festival und die Mystery Road.
Gunung Kelud (oder einfach Kelut) ist vielleicht nicht der höchste Vulkan auf der indonesischen Insel Java (er misst nur 1.731 Meter, ein Zwerg im Vergleich zum benachbarten Semeru), aber er ist zweifellos einer der gefährlichsten und faszinierendsten. Er liegt in Ost-Java, nahe den Städten Kediri und Blitar, und hat eine Geschichte, die so explosiv ist wie das Temperament des Geistes, der angeblich in ihm wohnt.
Kelud ist ein Lehrbuchbeispiel für den Konflikt zwischen Mensch und Natur. Jahrhundertelang war er eine Todesfalle: Ein riesiger Kratersee auf seinem Gipfel verwandelte jede Eruption in eine schlammige Flutwelle (Lahar), die Tausende tötete. Um diese Gefahr zu bannen, bauten Ingenieure eines der beeindruckendsten Tunnelsysteme der Welt durch den Vulkan hindurch.
Heute ist Kelud ein Ort der Kontraste: Ein beliebtes Ausflugsziel mit “Mystery Roads” und Ananas-Festivals, aber auch ein schlafendes Pulverfass, das zuletzt 2014 bewies, dass es noch lange nicht gezähmt ist.
Geologie: Das Wasser-Problem
Kelud ist ein aktiver Stratovulkan, entstanden durch die Subduktion der indo-australischen Platte. Seine Besonderheit – und sein Fluch – war immer sein Kratersee.
- Der Mechanismus des Todes: In Ruhephasen füllte sich der Krater mit Regenwasser und bildete einen See von bis zu 40 Millionen Kubikmetern. Wenn Magma aufstieg, kochte es dieses Wasser nicht nur; es stieß es explosionsartig aus.
- Primäre Lahare: Das Wasser vermischte sich mit der heißen Asche und Gestein zu kochenden Schlammströmen, die mit rasender Geschwindigkeit die Täler hinabschossen (“Lahar”). Diese Ströme haben eine Dichte wie flüssiger Beton und zerstören alles auf ihrem Weg.
Die Katastrophe von 1919
Das dunkelste Kapitel in der Geschichte des Kelud. Am 19. Mai 1919 entlud der Vulkan fast den gesamten Seeinhalt (38 Millionen Kubikmeter) in einem einzigen Schlag.
- Die Folgen: Kochende Lahare überschwemmten über 100 Dörfer.
- Die Opfer: Schätzungsweise 5.160 Menschen verloren ihr Leben. Es war eine der schlimmsten Vulkankatastrophen des 20. Jahrhunderts in Indonesien.
Der Ingenieurs-Krieg: Die Tunnel
Die niederländische Kolonialregierung entschied: “Nie wieder.” Sie starteten ein kühnes Projekt.
- Die Ampera-Tunnel: In den 1920er Jahren begannen Arbeiter, Tunnel durch die Kraterwand zu graben, um den See kontrolliert abzulassen und den Pegel niedrig zu halten. Es war eine Höllenarbeit bei Hitze und giftigen Gasen.
- Der Erfolg: Das System funktionierte. Das Wasservolumen wurde drastisch reduziert (auf ca. 2 Mio. Kubikmeter). Bei der Eruption 1951 gab es dank der Tunnel viel weniger Opfer durch Lahare.
- Der Rückschlag: Die Eruption von 1951 sprengte jedoch den Kraterboden tiefer, sodass der See unter das Niveau der Tunnel sank. Die Tunnel mussten vertieft werden.
- Der Zyklus: Es ist ein ständiges Wettrennen. Eruptionen verändern den Krater, Ingenieure müssen die Tunnel anpassen. Heute ist das Tunnelsystem ein Wunderwerk der Technik, das man teilweise besichtigen kann.
- Besichtigung: Mutige Besucher können heute bis zu den Ausgängen der Tunnel wandern. Das Wasser, das dort austritt, ist oft warm und sauer, und die Felsen sind gelb von Schwefelablagerungen gefärbt. Es ist ein unheimlicher Ort, der zeigt, wie fragil menschliche Bauwerke gegen die Kraft der Erde sind.
Flora und Fauna: Wiederauferstehung aus der Asche
Die Hänge des Kelud sind ein lebendiges Labor für Biologen.
- Die Zerstörung: Nach der Eruption 2014 sahen die oberen Hänge aus wie eine graue Mondlandschaft. Alle Bäume waren verbrannt oder von Asche bedeckt.
- Die Erholung: Doch vulkanische Asche ist der beste Dünger der Welt. Innerhalb weniger Monate sprossen Farne und Gräser aus dem grauen Staub.
- Pionierpflanzen: Die ersten Rückkehrer waren robuste Büsche wie Edelweiß (die javanische Variante) und Akazien.
- Biodiversität: Heute, kaum ein Jahrzehnt später, sind die unteren Hänge wieder grün. Affen (Javaneraffen) sind in die Wälder zurückgekehrt, und Vögel nisten wieder in den neu gewachsenen Bäumen. Es ist ein Beweis für die unglaubliche Resilienz der tropischen Natur.
Eruptionsgeschichte: Zyklen der Gewalt
Kelud bricht relativ regelmäßig aus, was ihn für Wissenschaftler vorhersehbar, aber nicht weniger gefährlich macht.
2014: Asche über Java
Die letzte große Eruption am 13. Februar 2014 war spektakulär.
- Die Explosion: Ein gewaltiger Knall war bis nach Yogyakarta (200 km entfernt) zu hören. Eine Aschesäule stieg 17 Kilometer hoch in die Stratosphäre (VEI 4).
- Der Fallout: Java wurde grau. Flughäfen in Surabaya, Solo und Jogja mussten schließen. Dächer stürzten unter der Last der Asche ein.
- Der fehlende Dom: Vor 2014 hatte sich im Krater ein Lavadom gebildet (ähnlich wie ein “Stöpsel”), der den See verdrängt hatte. Die Eruption 2014 pulverisierte diesen Dom komplett. Der Krater war danach wieder leer und offen.
2007: Die “langsame” Eruption
Ein völlig anderes Verhalten zeigte der Vulkan 2007. Anstatt zu explodieren, schob sich langsam, wie Zahnpasta aus der Tube, ein Lavadom aus dem See. Das Wasser verdampfte, und es entstand ein “Vulkan im Vulkan”. Dieser Dom wuchs auf über 120 Meter Höhe, bis er 2014 zerstört wurde.
Die Legende von Lembu Suro
Warum ist der Kelud so wütend? Die Javaner haben eine Antwort: Liebeskummer und Verrat.
- Die Prinzessin: Die schöne Dewi Kilisuci wurde von zwei nicht-menschlichen Wesen umworben: Lembu Suro (ein Mann mit Stierkopf) und Mahesa Suro (ein Mann mit Büffelkopf).
- Die List: Sie mochte die beiden nicht, hatte aber Angst vor ihrer Kraft. Also stellte sie eine Bedingung: Sie sollten über Nacht zwei Brunnen auf dem Gipfel des Kelud graben – einen, der nach Fisch riecht, den anderen nach Blumen.
- Der Verrat: Die beiden schafften es. Um zu prüfen, ob die Brunnen tief genug waren, bat die Prinzessin sie, hineinzuspringen. Als sie unten waren, befahl sie ihren Soldaten, die Brunnen mit Steinen zuzuschütten.
- Der Fluch: Bevor er starb, schwor Lembu Suro Rache: “Kediri wird zum Fluss, Blitar zur Ebene und Tulungagung zum See.”
- Die Opfergaben: Um diesen Fluch abzuwenden, halten die Einheimischen jedes Jahr die Larung Sesaji-Zeremonie ab. Sie werfen Erntegaben in den Krater, um den Geist des Stiermannes zu besänftigen.
Kultur und Alltag am Vulkan
Für die Menschen um Kediri ist der Vulkan nicht nur Bedrohung, sondern auch Lebensgrundlage.
- Sandabbau: Die Lahare bringen Millionen Tonnen von hochwertigem Vulkansand und Gestein in die Flüsse (Kali Bladak). Tausende von Menschen arbeiten als Sandschürfer. Es ist gefährlich (wegen plötzlicher Fluten), aber lukrativ (“Graues Gold”). Dieser Sand baut die Wolkenkratzer in Surabaya.
- Landwirtschaft: Die Vulkanasche düngt den Boden. Ananasse vom Kelud sind in ganz Indonesien berühmt für ihre Süße.
- Das Ananas-Festival: Jedes Jahr bauen die Dorfbewohner einen riesigen “Berg” aus Tausenden von Ananasfrüchten und tragen ihn durch die Straßen, bevor er in einer fröhlichen Schlacht an die Zuschauer verteilt wird (“Festival Nanas”).
Tourismus: Mystery Road und mehr
Wenn der Vulkan ruhig ist (Warnstufe Grün oder Gelb), blüht der Tourismus.
- Jalan Misteri (Mystery Road): Auf dem Weg zum Gipfel gibt es einen berühmten Straßenabschnitt. Schaltet man hier den Motor aus, scheint das Auto von selbst bergauf zu rollen.
- Erklärung: Eine optische Täuschung (“Gravity Hill”). Die Landschaft täuscht das Auge; was wie bergauf aussieht, ist eigentlich bergab. Viele Einheimische glauben trotzdem an die Kraft von Lembu Suro oder Magnetfelder.
- Der Kraterblick: Man kann mit dem Auto oder Ojek (Motorradtaxi) fast bis zum Gipfel fahren und dann die Treppen zum Kraterrand nehmen. Der Blick in den dampfenden Kessel und den neu entstehenden See ist atemberaubend.
- Kampung Coklat (Schokoladendorf): In der Nähe von Blitar gibt es riesige Kakaoplantagen, die agro-touristisch genutzt werden. Die vulkanische Erde ist perfekt für Kakao.
- Vulkan-Kino: In der Nähe des Besucherzentrums gibt es ein kleines Kino, das Dokumentationen über die Ausbrüche zeigt – Aufklärung trifft Unterhaltung.
Die Heißen Quellen (Air Panas)
Am Fuße des Vulkans sprudelt heißes Wasser.
- Heilwirkung: Dem schwefelhaltigen Wasser wird eine heilende Wirkung bei Hautkrankheiten und Rheuma nachgesagt.
- Tourismus: An Wochenenden strömen Familien hierher, um in den natürlichen Becken zu baden. Das Wasser ist durch vulkanische Mineralien oft trüb-gelb, aber angenehm warm – ein direkter Gruß aus der Magmakammer.
Religiöser Synkretismus
Der Kelud ist ein Ort, an dem Religionen verschmelzen.
- Ganesha: Am Kraterrand steht oft eine Ganesha-Statue (hinduistischer Elefantengott).
- Harmonie: Bei den Zeremonien beten muslimische Bauern, hinduistische Gläubige und Anhänger der alten javanischen Mystik (Kejawen) Seite an Seite. Die Furcht vor dem Vulkan eint sie alle.
Sicherheit
Das indonesische Zentrum für Vulkanologie (CVGHM) überwacht den Kelud penibel.
- Warnstufen: Aktif Normal (Grün), Waspada (Gelb), Siaga (Orange), Awas (Rot).
- Sabo-Dämme: In den Tälern wurden massive Betondämme gebaut, um Lahare aufzufangen und ihre Wucht zu brechen, bevor sie die Städte erreichen.
Fazit
Gunung Kelud ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie Menschen versuchen, die gewaltigsten Kräfte der Natur zu bändigen – mit Tunneln, Dämmen und Gebeten. Er ist ein Berg, der gibt (Sand, Fruchtbarkeit) und nimmt (Leben). Ein Besuch am Kelud ist eine Lektion in Demut und indonesischer Ingenieurskunst. Und wer weiß, wenn Sie auf der Mystery Road den Motor ausstellen, spüren Sie vielleicht doch den Atem von Lembu Suro.