Mount Ijen: Der Vulkan des blauen Feuers
Erleben Sie die elektrisch blauen Flammen des Kawah Ijen, den sauersten See der Welt und das unglaubliche Leben der Schwefelarbeiter.
Mount Ijen: Schönheit und Höllenfeuer
Der Mount Ijen (Kawah Ijen) bietet eine der fremdartigsten Landschaften der Erde. Dieser aktive Vulkan an der Ostspitze von Java, Indonesien, ist berühmt für zwei tödliche, aber wunderschöne Phänomene: den weltweit größten stark sauren Kratersee und das faszinierende elektrisch blaue Feuer, das sich nachts entzündet.
Es ist ein Ort der starken Kontraste. Für Touristen ist es ein Instagram-Traum und ein Abenteuer auf der Wunschliste. Für die einheimischen Männer, die dort arbeiten, ist es eine “Goldmine des Teufels”, wo sie täglich ihre Gesundheit riskieren, um schwere Brocken reinen gelben Schwefels aus dem Herzen des Vulkans zu gewinnen.
Das Phänomen des blauen Feuers
Die berühmteste Attraktion des Ijen ist das “Blaue Feuer”.
- Es ist KEINE blaue Lava: Ein häufiges Missverständnis ist, dass der Ijen blaue Lava speit. Das tut er nicht. Die Lava ist rot/orange wie bei jedem anderen Vulkan.
- Was es ist: Das blaue Leuchten stammt von der Verbrennung extrem konzentrierter Schwefelgase. Diese Gase treten unter hohem Druck und Temperaturen von bis zu 600°C aus Rissen im Vulkan aus. Sobald sie auf die sauerstoffreiche Luft treffen, entzünden sie sich. Die Flammen sind tatsächlich blau und steigen bis zu 5 Meter hoch.
- Flüssiger Schwefel: Ein Teil des Gases kondensiert zu flüssigem Schwefel, der weiter brennt, während er die Hänge hinunterfließt, und wie “elektrisch blaue Lava” aussieht.
- Beobachtung: Dieses Phänomen ist nur in unterschiedlichem Grad der Dunkelheit sichtbar. Deshalb beginnt die Wanderung zum Ijen um 1:00 Uhr morgens. Sobald die Sonne aufgeht, verschwinden die Flammen (oder werden vielmehr unsichtbar), und der Schwefel sieht leuchtend gelb aus.
Der sauerste See der Welt
In der Mitte des Kraters liegt ein ein Kilometer breiter See mit türkisgrünem Wasser. Er sieht einladend, sogar tropisch aus. Aber eine Hand hineinzutauchen würde zu chemischen Verbrennungen führen.
- Der pH-Wert: Der See hat einen pH-Wert von weniger als 0,5. Dies ähnelt dem Säuregehalt von Autobatteriesäure. Es ist der größte stark saure See der Welt.
- Die Chemie: Die Säure wird durch den Zustrom von Salzsäure- und Schwefelsäuregas aus den Unterwasserschloten verursacht. Der See fungiert als riesiger Kondensator für die magmatischen flüchtigen Stoffe des Vulkans.
- Der Fluss: Der Fluss Banyupahit, der dem See entspringt, ist ebenfalls stark sauer. In der Vergangenheit verursachte sein Wasser Zahnerosion bei den flussabwärts lebenden Dorfbewohnern, obwohl Sanierungsmaßnahmen in den letzten Jahren geholfen haben.
Die Schwefelarbeiter: Die stärksten Männer Javas
Das Herz der Ijen-Geschichte ist menschlich. Jede Nacht wandern etwa 200 Bergleute den Berg hinauf und steigen in den rauchenden Krater hinab, um Schwefel zu ernten.
Der Prozess
- Kanalisierung: Die Bergleute installieren Keramikrohre über den aktiven Schloten. Das heiße Gas strömt durch die Rohre, kühlt ab und tropft als geschmolzener roter flüssiger Schwefel heraus.
- Abkühlung: Wenn er weiter abkühlt, wird er leuchtend gelb und härtet zu Gestein aus.
- Brechen: Die Bergleute verwenden Metallstangen, um den gehärteten Schwefel in handliche Stücke zu brechen.
- Tragen: Dies ist der unmögliche Teil. Die Bergleute laden die Stücke in zwei Körbe, die durch eine Bambuslatte verbunden sind. Sie balancieren diese Latte auf einer Schulter.
- Das Gewicht: Eine durchschnittliche Last beträgt 70kg bis 90kg. Einige Bergleute tragen über 100kg.
- Der Aufstieg: Sie müssen 300 Meter aus dem steilen, felsigen Krater hinauf klettern, giftige Dämpfe einatmen, und dann 3 Kilometer den Berg hinunter zur Wiegestation laufen.
- Die Bezahlung: Sie tun dies zweimal am Tag. Sie werden pro Kilogramm bezahlt. An einem guten Tag verdienen sie etwa 10–15 USD. Dies gilt lokal als “guter Job” im Vergleich zur Landwirtschaft, aber der Preis ist ihre Gesundheit.
Gesundheitliche Auswirkungen
Die meisten älteren Bergleute leiden unter Atemproblemen, Rückenverformungen und Karies (die Säure in der Luft frisst den Zahnschmelz weg). Dennoch sind sie unglaublich gastfreundlich. Sie begrüßen Touristen oft mit einem Lächeln, posieren für Fotos und verkaufen kleine Schwefelschnitzereien als Souvenirs.
Trekking am Ijen
Die Wanderung zum Kawah Ijen ist kürzer als zum Rinjani oder Semeru, aber sie ist steil.
- Der Start: Die Wanderung beginnt im Basislager Paltuding (1.850 m).
- Der Aufstieg: Es ist eine 3 km lange Wanderung zum Kraterrand (2.386 m). Die ersten 2 km sind eine breite unbefestigte Straße, aber sie sind unerbittlich steil.
- Der Abstieg in den Krater: Um das blaue Feuer zu sehen, müssen Sie in den Krater hinabsteigen. Dieser Pfad ist schmal, felsig und steil. Sie teilen sich den Weg mit Bergleuten, die schwere Lasten tragen und hinauf kommen. Den Bergleuten muss immer Vorrang gewährt werden. Treten Sie zur Seite und lassen Sie sie passieren.
- Gasmasken: Das Tragen einer Gasmaske ist obligatorisch, sobald Sie sich dem Kraterrand nähern. Der Wind kann sich augenblicklich drehen und Sie in eine Wolke aus Schwefeldioxidgas hüllen, die Augen und Hals brennt und unkontrollierbaren Husten verursacht.
Geologie des Ijen-Komplexes
Kawah Ijen ist nur ein Teil eines größeren Vulkankomplexes.
- Die Caldera: Das gesamte Gebiet befindet sich innerhalb der alten Ijen-Caldera, die 20 km breit ist.
- Mehrere Vulkane: Innerhalb dieser Caldera befinden sich mehrere Vulkankegel, darunter der Mount Merapi (nicht zu verwechseln mit dem berühmten Merapi bei Yogyakarta), der Mount Raung und der Kawah Ijen.
- Kaffeeplantagen: Der fruchtbare vulkanische Boden an den Außenhängen der Ijen-Caldera unterstützt riesige Kaffeeplantagen. Der Arabica-Kaffee aus dieser Region ist weltberühmt.
Die Ethik des Katastrophentourismus
Der Besuch des Ijen wirft komplexe ethische Fragen auf. Sie zahlen im Grunde dafür, Männern dabei zuzusehen, wie sie für Pfennige knochenbrechende, lebensverkürzende Arbeit verrichten.
- “Menschensafari”? Einige Kritiker nennen es eine “Menschensafari”. Touristen in teurer Gore-Tex-Ausrüstung, die Selfies neben hustenden Bergleuten in Lumpen machen, können ein verstörender Anblick sein.
- Die Perspektive der Bergleute: Die meisten Bergleute heißen Touristen jedoch willkommen. Warum? Weil Touristen Souvenirs kaufen. Eine kleine Schwefelschildkröten-Schnitzerei wird für 20.000 IDR (1,50 $) verkauft. Das ist reiner Gewinn und viel leichteres Geld als das Tragen von 90 kg Gestein.
- Wie man helfen kann:
- Kaufen Sie die Souvenirs: Auch wenn Sie sie später wegwerfen (Schwefel stinkt!), unterstützt der Kauf einer Schnitzerei den Bergmann direkt.
- Schenken Sie Zigaretten oder Kekse: Es ist üblich, den Bergleuten Zigaretten (Kretek) oder Snacks anzubieten, wenn Sie anhalten, um zu sprechen oder ein Foto zu machen.
- Machen Sie Platz: Treten Sie immer, immer vom Weg ab, um einen beladenen Bergmann passieren zu lassen. Ihren Schwung zu brechen, ist unhöflich und für sie körperlich anstrengend.
Attraktionen in der Nähe: Das “Afrika von Java”
Nur eine Stunde vom Ijen entfernt liegt der Baluran-Nationalpark.
- Savannenlandschaft: Bekannt als “Kleines Afrika” (Africa van Java), bietet dieser Park riesige goldene Savannen (Bekol Savanna) voller Wasserbüffel, Hirsche und Pfauen. Es ist ein atemberaubender Kontrast zur giftigen, felsigen Welt des Ijen und eignet sich perfekt als Tag zur Entspannung nach der Mitternachtswanderung.
Beste Zeit für einen Besuch
- Trockenzeit (April - Oktober): Die beste Zeit für klaren Himmel und um das blaue Feuer zu sehen.
- Wochenenden vermeiden: Der Ijen ist bei einheimischen Touristen äußerst beliebt. An Wochenenden und Feiertagen können Tausende von Menschen den schmalen Kraterpfad verstopfen.
- Start um Mitternacht: Beginnen Sie um 1:00 Uhr oder 2:00 Uhr morgens mit dem Wandern, um den Kraterboden zu erreichen, solange es noch stockfinster ist.
Anreise
Der nächstgelegene Flughafen ist Banyuwangi (BWX).
- Von Bali: Sie können eine Fähre von Gilimanuk (West-Bali) nach Ketapang (Ost-Java) nehmen. Die Überfahrt dauert nur 45 Minuten. Von Ketapang ist es eine 1-stündige Fahrt zum Fuß des Ijen.
- Von Surabaya: Sie können einen Zug (ca. 6 Stunden) nehmen oder nach Banyuwangi fahren (ca. 7 Stunden). Unterkünfte gibt es in der Stadt Banyuwangi reichlich, von Hostels bis zu Luxusresorts.
Fotografie-Leitfaden: Das blaue Feuer einfangen
Das Einfangen der blauen Flammen ist notorisch schwierig, da es stockfinster ist, die Flammen aber hell sind.
- Kein Blitz: Blitzlicht ruiniert das Foto. Es beleuchtet den Rauch und macht die Flammen unsichtbar.
- Stativ ist unerlässlich: Sie benötigen eine Langzeitbelichtung (2-5 Sekunden). Sie können das nicht aus der Hand halten.
- Einstellungen:
- ISO: Hoch (1600-3200).
- Blende: Weit offen (f/2.8 oder niedriger).
- Verschlusszeit: 2-5 Sekunden.
- Schützen Sie Ihre Ausrüstung: Das saure Gas ist ätzend. Es kann elektronische Schaltkreise beschädigen und Ihr Objektiv beschichten. Bewahren Sie Ihre Kamera in einer Tasche auf, wenn Sie nicht fotografieren, und wischen Sie Ihr Objektiv häufig mit einem dafür vorgesehenen Tuch ab (es wird für immer nach Schwefel riechen).
Technische Fakten auf einen Blick
- Standort: Banyuwangi/Bondowoso, Ost-Java, Indonesien
- Koordinaten: 8.058°S 114.242°E
- Höhe: 2.799 m (9.183 Fuß)
- pH-Wert des Sees: < 0,5 (Ultra-sauer)
- Volumen des Sees: ~36 Millionen m³
- Gastemperatur: ~600°C
- Primäre Ressource: Schwefel
- Letzter magmatischer Ausbruch: 1817 (Phreatische Ausbrüche sind häufiger, z. B. 1999)
Fazit
Der Mount Ijen ist ein Ort von schrecklicher Schönheit. Er fordert unsere Definition von “Natur” heraus. Er ist giftig, gefährlich und unwirtlich, aber visuell atemberaubend. Es ist ein Ort, an dem die Erde Feuer und Säure blutet und an dem die menschliche Ausdauer bis an ihre Grenzen getestet wird. Kein Foto kann den stechenden Geruch des Schwefels oder die unheimliche Stille der blauen Flammen, die in der Dunkelheit tanzen, einfangen. Man muss es gesehen haben.