Mount Hudson
Ein gewaltiger und abgelegener Schichtvulkan im chilenischen Patagonien, bekannt für seine katastrophale Eruption von 1991.
Mount Hudson, oder Cerro Hudson auf Spanisch, ist ein schlafender Riese der patagonischen Anden. Er liegt in der abgelegenen Region Aisén im Süden Chiles und ist einer der aktivsten und gefährlichsten Vulkane in der Südlichen Vulkanzone. Mit einer Höhe von 1.905 Metern ist er kein klassischer konischer Gipfel, sondern eine massive, eisgefüllte Kaldera mit einer Breite von 10 Kilometern. Obwohl er in trostloser Isolation liegt, ist seine Reichweite global; sein Ausbruch im Jahr 1991 war einer der größten des 20. Jahrhunderts, eine Katastrophe, die den Himmel der südlichen Hemisphäre verdunkelte und das Klima des Planeten veränderte.
Ein gletscherbedeckter Riese
Der Gipfel des Mount Hudson ist kein einfacher Berg, sondern eine massive, 10 Kilometer breite Kaldera, die mit einer dicken Eiskappe gefüllt ist. Diese Kombination aus vulkanischer Hitze und einem ausgedehnten Gletschermantel macht Hudson besonders gefährlich. Eruptionen können ein schnelles Schmelzen des Eises auslösen, was zu massiven, zerstörerischen Fluten führt, die als Jökulhlaups bekannt sind, oder zu vulkanischen Schlammströmen (Laharen), die die Flusstäler in Richtung der Fjorde der Pazifikküste hinabstürzen.
Das Rätsel der Eiskappe
Das Eis, das die Kaldera des Hudson füllt, ist eine wissenschaftliche Anomalie.
- Überleben: Trotz der immensen Hitze, die während der Eruption von 1991 freigesetzt wurde, überlebte ein erheblicher Teil der Eiskappe. Sie regeneriert sich ständig, gespeist von den erstaunlichen Niederschlagsmengen (Schnee und Regen), die auf die patagonischen Anden fallen.
- Glaziologische Forschung: Glaziologen untersuchen den Hudson, um zu verstehen, wie sich Eismassen in extremen thermischen Umgebungen verhalten. Die Interaktionsschichten – wo Eis auf heißes Gestein trifft – schaffen subglaziale Seen und Tunnel, die anderswo selten zu sehen sind. Diese versteckten Wassertaschen sind tickende Zeitbomben, die freigesetzt werden können, ohne dass es zu einer vollwertigen Eruption kommt, wenn der geothermische Wärmefluss zunimmt.
Tourismus: Der Weg zum Vulkan
Die Erkundung des Mount Hudson ist den engagiertesten Abenteurern vorbehalten.
- Zugang: Es gibt keine asphaltierten Straßen zur Basis. Reisende müssen die Carretera Austral bis in die Nähe von Puerto Ibáñez oder Villa Cerro Castillo fahren und dann auf Schotterpisten weiterfahren.
- Der Trek: Das Erreichen des Kalderarandes erfordert eine mehrtägige Wanderung durch dichte gemäßigte Regenwälder, das Überqueren reißender Flüsse und das Navigieren durch das schwierige Ibáñez-Tal.
- Der Aussichtspunkt: Diejenigen, die den Aufstieg schaffen, werden mit einem Blick belohnt, der gleichbedeutend mit der rohen Kraft Patagoniens ist: ein weißes, gefrorenes Plateau, durchlöchert von dampfenden Schloten, umgeben von zackigen Gipfeln und mit Blick auf die gewundenen Fjorde des Pazifiks. Es ist ein Ort purer Einsamkeit.
Der Kataklysmus von 1991
Der berüchtigtste Moment des Mount Hudson kam im August 1991. Nach Jahrzehnten der Ruhe produzierte der Vulkan eine der größten Eruptionen des 20. Jahrhunderts. Die gewaltige Explosion schleuderte eine kolossale Wolke aus Asche und Schwefeldioxid hoch in die Stratosphäre, die daraufhin den Globus umkreiste. Der Ascheniederschlag war so schwerwiegend, dass er die Landwirtschaft und Viehzucht sowohl im Süden Chiles als auch im argentinischen Patagonien ruinierte und Millionen Hektar mit einem dicken, grauen Mantel bedeckte. Die Eruption veränderte grundlegend das globale wissenschaftliche Verständnis darüber, wie großräumige vulkanische Ereignisse das Klima der Erde beeinflussen können.
Vergleichende Vulkanologie: Hudson vs. Chaitén
Um die Kraft des Hudson zu verstehen, ist es nützlich, ihn mit einem anderen chilenischen Riesen, dem Chaitén, zu vergleichen.
- Unterschiedliche Monster: Während der Chaitén (der 2008 ausbrach) ein rhyolithischer Vulkan ist, der dicke, klebrige Lavadome produziert, produziert der Hudson basaltischen Andesit bis Dazit. Das bedeutet, dass die Magmen des Hudson im Allgemeinen flüssiger sind, aber durch Wasser immer noch explosiv fragmentiert werden können.
- Maßstab: Der Ausbruch des Hudson im Jahr 1991 war volumenmäßig etwa zehnmal größer als der Ausbruch des Chaitén im Jahr 2008. Die schiere Menge an Tephra (Gesteinsfragmente), die vom Hudson ausgestoßen wurde, platziert ihn in die Kategorie „VEI 5+“, ein Zerstörungsgrad, der Kontinente und nicht nur lokale Täler umgestaltet.
Die zukünftige Bedrohung
Mount Hudson ist noch nicht fertig.
- Gefahr durch Eisschmelze: Die Hauptsorge für die Zukunft ist nicht nur Asche, sondern Wasser. Die Eiskappe im Inneren der Kaldera hat sich seit 1991 erholt. Eine zukünftige Eruption, selbst eine mäßige, würde dieses angesammelte Eis sofort schmelzen.
- Verwundbarkeit flussabwärts: Die Täler, die vom Vulkan wegführen, sind heute stärker besiedelt und entwickelt als vor drei Jahrzehnten. Der Tourismus in der Region Aisén hat zugenommen. Eine größere Störung heute würde nicht nur isolierte Schaffarmen bedrohen, sondern auch Wasserkraftprojekte, Aquakultur in den Fjorden und die lebenswichtige Fernstraße Carretera Austral, wodurch Südchile möglicherweise vom Rest des Landes abgeschnitten würde.
Glaziovulkanismus: Feuer und Eis
Mount Hudson ist ein Lehrbuchbeispiel für Glaziovulkanismus – die volatile Wechselwirkung zwischen Magma und Eis.
- Die eisgefüllte Kaldera: Das bestimmende Merkmal des Vulkans ist seine massive Gipfelkaldera, die als Auffangbecken für einen Gletscher fungiert. Diese Eiskappe ist Hunderte von Metern dick. Wenn sich der Vulkan aufheizt, schmilzt dieses Eis von unten.
- Jökulhlaups: Die unmittelbarste Gefahr vom Hudson ist nicht Lava, sondern Lahare und Gletscherlauf-Fluten (Jökulhlaups). Während Eruptionen vermischt sich schlagartig geschmolzenes Wasser mit Asche und Gestein zu Strömen aus betonartigem Schlamm. Diese Ströme rasen die Flusstäler des Huemules und Ibáñez hinunter, bedrohen die wenigen Siedlungen in Küstennähe und verändern die Hydrologie der Fjorde.
- Phreatische Explosivität: Das Vorhandensein von Schmelzwasser, das in den Schlot sickert, fügt ein „Brennstoff-Kühlmittel“-Explosionspotenzial hinzu. Die Umwandlung von Wasser zu Dampf vergrößert sein Volumen augenblicklich um das 1.700-fache bei Atmosphärendruck, was den Eruptionen signifikante Fragmentierungsenergie hinzufügt und feine, weit verteilbare Asche erzeugt.
Klimaauswirkungen: Ein globaler Kühler
Der Ausbruch des Hudson im Jahr 1991 hatte einen messbaren Einfluss auf die Atmosphäre der Erde.
- Die Schwefelfracht: Hudson injizierte ungefähr 2,7 Millionen Tonnen Schwefeldioxid ($\text{SO}_2$) in die obere Atmosphäre. Obwohl dies weniger war als beim Pinatubo, bedeutete die spezifische Lage des Hudson (hohe südliche Breite), dass die Aerosole im südlichen Polarwirbel gefangen waren.
- Ozonabbau: Die Sulfat-Aerosole vom Hudson spielten eine bedeutende Rolle beim Rekordabbau des antarktischen Ozonlochs in den Jahren 1992 und 1993. Die Partikel boten Oberflächen für chemische Reaktionen, die Chlor freisetzen, welches Ozonmoleküle zerstört.
- Temperaturabfall: Bei der Untersuchung der Synergie zwischen Pinatubo und Hudson schätzen Klimawissenschaftler, dass der kombinierte Aerosolschleier im folgenden Jahr eine globale Abkühlung von etwa 0,5 °C verursachte und die Auswirkungen der globalen Erwärmung vorübergehend maskierte.
Geologischer Rahmen: Die Südliche Vulkanzone
Hudson ist ein Produkt der Subduktion der Nazca-Platte unter die Südamerikanische Platte.
- Der Tripelpunkt: Südlich des Hudson liegt der „Chile Triple Junction“, wo der Chile-Rücken (ein mittelozeanischer Rücken) unter den Kontinent subduziert wird. Diese komplexe tektonische Umgebung schafft einen Riss in der abtauchenden Platte, der es heißer Asthenosphäre (Mantelmaterial) ermöglicht, nach oben zu fließen. Dieser „Slab Window“-Effekt trägt zur ungewöhnlichen Kraft und zum Volumen der Eruptionen des Hudson bei.
- Eine Geschichte der Gewalt: Radiokarbondatierung und Tephrochronologie (Untersuchung von Ascheschichten) haben enthüllt, dass Hudson ein Wiederholungstäter ist. Er produzierte massive explosive Eruptionen vor etwa 6.700 Jahren und vor 3.600 Jahren. Das Ereignis von 1991 war lediglich der jüngste Puls in einem jahrtausendelangen Rhythmus der Zerstörung.
Ökologie: Erholung von der Asche
Die Eruption von 1991 verwandelte die üppigen Wälder der chilenischen Fjorde und die Steppe Argentiniens in eine Mondlandschaft. Jahrzehnte später ist die Erholung eine faszinierende Studie ökologischer Resilienz.
- Die toten Wälder: In einigen Tälern nahe dem Vulkan können Besucher immer noch „Geisterwälder“ aus Bäumen sehen, die durch die tiefe Aschebedeckung getötet wurden, aber stehen blieben. Darunter wächst jedoch eine neue Generation von Nothofagus (Südbuchen) heran, gedüngt durch den Abbau von vulkanischem Glas.
- Die patagonische Steppe: In der trockenen argentinischen Steppe verläuft die Erholung langsamer. Der Wind mischt die Asche ständig neu und erzeugt Staubstürme, die die Vegetation abschleifen. Robuste einheimische Gräser (Stipa) haben sich jedoch angepasst und wurzeln durch die Ascheschicht hindurch, um den ursprünglichen Boden darunter zu erreichen.
- Rückkehr der Fauna: Das Guanako (ein wildes Kamelid) und der Nandu (ein großer flugunfähiger Vogel) sind in die betroffenen Gebiete zurückgekehrt. Während die Schafzuchtindustrie kleiner bleibt als zuvor, hat die Natur die „Graue Wüste“ weitgehend zurückerobert und bewiesen, dass vulkanischer Boden, wenn man ihm genug Zeit gibt, eher ein Segen als ein Fluch ist.
Überwachung der abgelegenen Wildnis
Die Überwachung des Mount Hudson ist ein logistischer Albtraum.
- Die Herausforderung der Isolation: Der Vulkan ist nur per Hubschrauber oder durch mehrtägige Expeditionen zu Pferd und zu Fuß erreichbar. Das raue Wetter – ständiger Regen, Schnee und orkanartige Winde – verhindert oft monatelang den Zugang.
- Fernerkundung: Folglich verlässt sich das Southern Andes Volcano Observatory (OVDAS) stark auf satellitengestützte Fernerkundung (InSAR), um Bodenverformungen (Anschwellen) und thermische Anomalien (Hitzepunkte) zu erkennen.
- Seismisches Netzwerk: Ein begrenztes Netzwerk solarbetriebener Seismometer überträgt Daten an das Überwachungszentrum in Temuco. Diese Stationen während der wilden patagonischen Winter in Betrieb zu halten, ist ein ständiger Kampf für chilenische Vulkanologen.
Fazit
Mount Hudson wird von Geologen weithin als die „nicht explodierte Bombe“ der südlichen Anden angesehen. Seine massive Kaldera, der unbegrenzte Vorrat an Gletscherschmelzwasser und die Geschichte plinianischer Eruptionen machen ihn zu einer Gefahr erster Güte. Doch seine Abgelegenheit hüllt ihn in Geheimnisse. Er sitzt allein in den Eisfeldern, eine starke Erinnerung daran, dass selbst in den unbewohntesten Ecken des Planeten geologische Kräfte am Werk sind, die den Himmel, das Klima und den Lauf der Geschichte für eine ganze Hemisphäre verändern können.