Mount Hood: Wy'east, der König von Oregon
Mount Hood ist Oregons höchster Berg, ein schlafender Vulkan und ein Paradies für Skifahrer (sogar im Sommer!). Entdecken Sie seine Geologie, die Legende von Wy'east und die historische Timberline Lodge.
Mount Hood, der majestätische Wächter über den Nordwesten der USA, ist weit mehr als nur ein Berg. Für die Einwohner von Portland, die ihn an klaren Tagen am Horizont sehen, ist er ein Kompass, ein Wettermacher und ein Spielplatz. Mit 3.429 Metern ist er der höchste Gipfel im Bundesstaat Oregon und nach Rainier, Shasta und Adams einer der dominantesten Vulkane der Kaskadenkette.
Bei den indigenen Völkern als Wy’east bekannt, trägt dieser Berg eine Geschichte in sich, die Jahrtausende zurückreicht – von feurigen Legenden der Ureinwohner bis hin zu den Pionieren auf dem Oregon Trail. Er ist der einzige Ort in Nordamerika, an dem man fast das ganze Jahr über (auch im Sommer!) Ski fahren kann, und beherbergt die historische Timberline Lodge, ein architektonisches Juwel, das sogar Hollywood-Ruhm erlangte.
Doch lassen Sie sich von der friedlichen weißen Kappe nicht täuschen: Mount Hood ist ein potenziell aktiver Stratovulkan. Unter dem Eis brodelt es, und Wissenschaftler überwachen ihn mit argusaugen, denn er gilt als einer der gefährlichsten Vulkane der USA, sollte er wieder erwachen.
Geologie: Feuer und Eis
Mount Hood ist geologisch gesehen ein komplexer Riese. Er ist Teil des Kaskaden-Vulkanbogens, der durch die Subduktion der Juan-de-Fuca-Platte unter die nordamerikanische Platte entsteht.
- Struktur: Der heutige Kegel ist etwa 500.000 Jahre alt, wobei die sichtbare Spitze (“Edifice”) größtenteils in den letzten 15.000 Jahren geformt wurde. Er besteht aus Schichten von Andesit- und Dacit-Lava.
- Erosion: Im Gegensatz zu den perfekten Kegeln wie dem Fuji oder dem Mayon wirkt Mount Hood eher zerklüftet. Das liegt an der massiven Gletschertätigkeit. In der letzten Eiszeit (und auch heute) haben Gletscher tiefe Furchen in seine Flanken gefräst, was ihm sein charakteristisches, scharfkantiges Profil verleiht.
Eruptionsgeschichte: Zerstörerische Zyklen
Hood bricht nicht oft aus, aber wenn, dann meist heftig und mit großen Veränderungen für die Landschaft.
- Polallie-Periode (vor 15.000-12.000 Jahren): In dieser Phase wuchs der Hauptkegel. Heiße Lava traf auf dicke Eisschilde, was zu explosiven Interaktionen führte.
- Timberline-Periode (vor 1.800-1.400 Jahren): Eine Phase großer Instabilität. Lavadome brachen zusammen und schickten pyroklastische Ströme und massive Lahare (Schlammströme) das Tal des Sandy River hinunter – bis zum Columbia River, fast 80 Kilometer entfernt. Der heutige Ort Troutdale steht auf den Ablagerungen dieser Ströme.
- Old Maid-Periode (ca. 1781): Kurz bevor die Entdecker Lewis und Clark ankamen, brach der Vulkan erneut aus. Ein Lavadom (Crater Rock) bildete sich, und Lahare flossen den White River hinab. Lewis und Clark berichteten 1805 von einem Fluss mit “Bett aus Treibsand”, was auf die frischen vulkanischen Ablagerungen hindeutet.
Ist er noch aktiv?
Ja.
- Letzte Aktivität: Kleinere Dampfexplosionen wurden zwischen 1859 und 1866 beobachtet (“Rauch” und Glühen).
- Devil’s Kitchen: Nahe dem Gipfel, im Bereich “Devil’s Kitchen”, stinkt es gewaltig nach faulen Eiern (Schwefelwasserstoff). Hier sind Fumarolen aktiv, die so heiß sind, dass sie das Gletschereis schmelzen und gefährliche Eishöhlen bilden. Dies beweist: Das Magma ist noch da, und es ist heiß.
Die Legende von Wy’east
Lange bevor Geologen kamen, hatten die Multnomah und Klickitat ihre eigene Erklärung für das Feuer der Berge. Es ist eine Geschichte von Liebe und Eifersucht.
- Die Brüder: Wy’east (Hood) und Pahto (Mount Adams) waren zwei Söhne des Großen Geistes Tyhee Saghalie.
- Die Schöne: Beide verliebten sich in die wunderschöne Jungfrau Loowit (Mount St. Helens).
- Der Krieg: Die Brüder kämpften erbittert um sie. Sie warfen glühende Steine und Feuer aufeinander, verbrannten die Wälder und zerstörten die “Bridge of the Gods”, eine natürliche Felsbrücke über den Columbia River.
- Die Verwandlung: Um den Streit zu beenden, verwandelte Saghalie sie alle in Berge. Wy’east (Hood) steht stolz und hoch erhobenen Hauptes da (deshalb die spitze Form). Pahto (Adams) ließ den Kopf vor Scham hängen (daher der flache Gipfel). Und Loowit (St. Helens) behielt ihre anmutige, jugendliche Form – bis sie 1980 ihren “Kopf verlor”.
Gletscher und Wasser: Die Lebensader
Mount Hood trägt 12 benannte Gletscher.
- Palmer Glacier: Die Heimat des Sommerskigebiets.
- Eliot Glacier: Der größte Gletscher an der Nordostflanke.
- Bedeutung: Diese Gletscher sind nicht nur schön; sie sind lebenswichtig. Ihr Schmelzwasser speist die Flüsse im Sommer, wenn es in Oregon kaum regnet. Sie ermöglichen die Landwirtschaft im berühmten Hood River Valley, bekannt für seine Birnen, Äpfel und Kirschen (“Fruit Loop”). Ohne den Vulkan wäre dieses Tal trocken und unfruchtbar.
Skifahren: Der ewige Winter
Mount Hood ist ein Mekka für den Wintersport – und den Sommersport.
- Timberline Lodge Ski Area: Hier befindet sich der Palmer Snowfield. Dank der enormen Schneemengen (oft über 15 Meter im Winter) hält sich der Schnee hier das ganze Jahr. Es ist das einzige Skigebiet in den USA, in dem Lifte auch im Juli und August laufen. Nationalmannschaften aus der ganzen Welt trainieren hier im Sommer.
- Mt. Hood Meadows: Das größte Skigebiet auf der Ostseite („Sunny Side“), bekannt für abwechslungsreiches Terrain und weite Bowls.
- Skibowl: Bekannt als das größte Nachtskigebiet der USA. Hier wird gefahren, wenn die Sonne untergeht und die Lichter von Portland in der Ferne glitzern.
Der Pacific Crest Trail (PCT)
Der berühmte Fernwanderweg von Mexiko nach Kanada quert die Westflanke des Mount Hood.
- Timberline-Stopp: Für “Thru-Hiker”, die seit Monaten unterwegs sind, ist die Timberline Lodge ein legendärer Meilenstein. Sie ist der einzige Ort auf dem 4.200 km langen Trail, an dem Wanderer direkt in einem historischen Hotel essen können. Das “All-you-can-eat”-Buffet der Lodge ist unter Wanderern mythologisch verklärt.
- Die Landschaft: Der Trail führt durch die “Zigzag”-Canyons, tiefe Schluchten, die von alten Laharen in den Vulkankegel geschnitten wurden. Es ist eine raue, aber atemberaubende Passage.
Der Hood River und der “Fruit Loop”
Der Vulkan nährt das Tal.
- Vulkanboden: Nördlich des Berges erstreckt sich das Hood River Valley. Der Boden hier besteht aus uralten vulkanischen Ablagerungen und Asche – extrem nährstoffreich.
- Der “Fruit Loop”: Dies ist eine 35 Meilen lange Panoramastraße durch endlose Obstplantagen. Birnen, Äpfel, Kirschen und Lavendel gedeihen hier prächtig, bewässert vom Gletscherwasser des Mount Hood. Es ist ein direktes Beispiel dafür, wie vulkanische Zerstörung langfristig zu landwirtschaftlichem Reichtum führt.
- Wein: In jüngster Zeit hat sich die Region auch als Weinbaugebiet etabliert, wobei die vulkanischen Böden den Weinen eine besondere mineralische Note verleihen.
Die Timberline Lodge: Ein Denkmal aus Stein und Holz
Auf 1.800 Metern Höhe steht ein Gebäude, das fast so berühmt ist wie der Berg selbst.
- Geschichte: Die Timberline Lodge wurde während der Großen Depression in den 1930ern gebaut. Es war ein Projekt der Works Progress Administration (WPA), um Arbeitslose zu beschäftigen und ein Symbol der Hoffnung zu schaffen.
- Architektur: Sie ist ein Meisterwerk der “Cascadian Architecture”. Alles ist handgemacht: die riesigen Holzbalken, die massiven Steinkamine, die schmiedeeisernen Beschläge, die gewebten Vorhänge.
- Popkultur: Filmfans kennen die Außenansicht der Lodge als das unheimliche “Overlook Hotel” aus Stanley Kubricks Horror-Klassiker “The Shining” (obwohl die Innenaufnahmen im Studio entstanden).
Bergsteigen: Der überfüllte Gipfel
Mount Hood ist nach dem Fuji der am zweithäufigsten bestiegene vergletscherte Gipfel der Welt. Etwa 10.000 Menschen versuchen jedes Jahr den Aufstieg.
- Die Route: Die Standardroute (“South Side”) beginnt bequem auf dem Parkplatz der Timberline Lodge. Man steigt über den Palmer-Gletscher auf, vorbei am stinkenden Devil’s Kitchen, über den schmalen Grat des “Hogsback” und schließlich durch die “Pearly Gates” (Perlentaue) zum Gipfel.
- Die Gefahr: Die “Bequemlichkeit” täuscht. Mount Hood ist ein Killer. Das Wetter kann innerhalb von Minuten umschlagen. Lawinen, Steinschlag und vor allem Stürze auf dem eisigen Untergrund fordern fast jedes Jahr Todesopfer. Viele Anfänger unterschätzen die technische Schwierigkeit des letzten Stücks (“Pearly Gates”).
Flora und Fauna
Der Berg bietet eine Reise durch verschiedene Klimazonen.
- Unten: Dichte, moosbedeckte Regenwälder aus Douglasien und westlichen Hemlocktannen. Hier leben Schwarzbären, Pumas und die seltenen Fleckenkäuze.
- Mitte: Subalpine Wälder mit Edeltannen, die im Winter unter meterhohem Schnee begraben werden.
- Oben: Die alpine Tundra. Hier wachsen nur noch zähe Pflanzen wie das Stengellose Leimkraut oder die Pinselblume.
- Sasquatch: In den tiefen Wäldern rund um den Clackamas River gibt es angeblich die meisten “Bigfoot”-Sichtungen im pazifischen Nordwesten. Ob Mythos oder nicht – die dunklen, nebligen Wälder laden zu solchen Geschichten ein.
Sicherheit und Zukunft
Der USGS (Geological Survey) nimmt Mount Hood sehr ernst.
- Lahare: Die größte Gefahr bei einem zukünftigen Ausbruch sind nicht Lavaströme, sondern Lahare. Diese könnten in weniger als einer Stunde die Städte Sandy und Hood River erreichen.
- Überwachung: Ein Netzwerk aus Seismometern und GPS-Stationen lauscht ständig auf den “Herzschlag” des Berges.
- Status: Derzeit ist er “Grün” (Normal), aber das kann sich ändern.
Fazit
Mount Hood ist mehr als ein Wahrzeichen; er ist die Seele Oregons. Er verbindet die raue Urgewalt der Erde mit der menschlichen Geschichte von Pionieren und Skifahrern. Ein Besuch hier – sei es für eine Wanderung auf dem Pacific Crest Trail, eine Abfahrt im August oder einen heißen Kakao in der Timberline Lodge – ist eine Begegnung mit der Kraft der Natur. Er ist wunderschön, nützlich und gefährlich zugleich. Wy’east schläft, aber er träumt.