1816: Das Jahr ohne Sommer – Wie ein Vulkan die Welt veränderte
Es war ein Jahr, in dem die Sonne nicht schien. Ein Jahr, in dem Vögel mitten im Flug erfroren und von den Bäumen fielen. Ein Jahr, in dem in Neuengland im Juli Schnee fiel und in Europa die Menschen Gras aßen, um zu überleben.
Das Jahr war 1816, und es wurde bekannt als „Das Jahr ohne Sommer“, „Achtzehnhundert-und-erfroren-zu-Tode“ und „Das Armutsjahr“.
Die Ursache für dieses globale Elend war kein Krieg und keine Seuche. Es war ein Berg auf der anderen Seite der Welt, von dessen Existenz damals kaum jemand wusste: der Tambora.
Der Knall: Tambora, April 1815
Auf der Insel Sumbawa im heutigen Indonesien stand ein mächtiger Vulkan. Am 10. April 1815 explodierte der Tambora.
- Die Größe: Es war die größte Eruption der dokumentierten Menschheitsgeschichte. Sie hatte einen Vulkanexplosivitäts-Index (VEI) von 7. Sie war zehnmal stärker als der Krakatau (1883) und hundertmal stärker als der Mount St. Helens (1980).
- Der Tod: Sofort starben etwa 12.000 Menschen durch pyroklastische Ströme und Tsunamis. Aber das war erst der Anfang. Der Berg, der einst 4.300 Meter hoch war, wurde auf 2.850 Meter reduziert.
- Die Injektion: Der Vulkan schleuderte schätzungsweise 150 Kubikkilometer Gestein und Asche in die Luft. Viel wichtiger war jedoch das Schwefeldioxid ($SO_2$). Etwa 55 Millionen Tonnen davon gelangten in die Stratosphäre.
Der Mechanismus: Ein globaler Schleier
Wie kann ein Vulkan in den Tropen Schnee in New York verursachen?
- Die Stratosphäre: Wenn Asche und Gas hoch genug geschleudert werden (über 10-15 km), gelangen sie in die Stratosphäre. Dort gibt es keinen Regen, um sie auszuwaschen.
- Der Aerosol-Nebel: Das $SO_2$ reagierte mit Wasserdampf zu Schwefelsäure-Aerosolen. Diese winzigen Tröpfchen verteilten sich innerhalb von Monaten rund um den Globus.
- Die Reflexion: Diese Aerosole wirkten wie ein gigantischer Spiegel. Sie reflektierten einen Teil des Sonnenlichts zurück ins All. Die Erde kühlte sich im globalen Durchschnitt um etwa 0,4–0,7 °C ab. Das klingt wenig, aber es reichte aus, um das Wettersystem der Welt völlig aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Die Folgen: Eine Welt im Chaos (1816)
Das Jahr 1816 war geprägt von extremen Wetteranomalien.
Nordamerika
In den USA ist das Jahr als „Eighteen Hundred and Froze to Death“ bekannt.
- Der Sommerschnee: Im Juni fielen in New York und Maine 15 cm Schnee. Seen froren zu. Bauern, die ihre Schafe geschoren hatten, verloren ihre Herden durch die Kälte.
- Ernteausfall: Frost im Juli und August tötete den Mais. Die Preise für Getreide verzehnfachten sich. Dies löste die erste große Migrationswelle aus Neuengland in den Mittleren Westen (Ohio, Indiana) aus, da Bauern ihr unfruchtbares Land verließen.
Europa
Europa litt noch unter den Folgen der Napoleonischen Kriege, die erst 1815 (Waterloo) geendet hatten. Der Vulkan traf einen Kontinent, der bereits am Boden lag.
- Der endlose Regen: In Europa fiel kein Schnee, sondern kalter, unaufhörlicher Regen. In der Schweiz regnete es an 130 von 183 Sommertagen. Flüsse traten über die Ufer. Kartoffeln verfaulten im Boden, Weizen wuchs nicht.
- Die letzte große Hungersnot: Es kam zur schlimmsten Hungersnot des 19. Jahrhunderts. In der Schweiz und in Deutschland aßen die Menschen Sägemehlbrot, Katzen und Gras. In Irland brach Typhus aus, da die geschwächte Bevölkerung anfällig war – ein Vorbote der großen Kartoffelhungersnot, die Jahrzehnte später kommen sollte.
- Soziale Unruhen: In Frankreich und England brachen Brot-Unruhen aus. Menschen plünderten Bäckereien und Getreidespeicher unter dem Banner „Brot oder Blut“.
Asien
Auch Asien blieb nicht verschont.
- Der Monsun: Die Abkühlung schwächte den Sommermonsun. In Indien blieb der Regen aus, was zu Dürren führte. Dann kam der Regen zu spät und zu heftig, was Überschwemmungen verursachte.
- Cholera: Diese ökologische Störung im Ganges-Delta ließ ein neues, tödliches Bakterium mutieren: Vibrio cholerae. Die erste globale Cholera-Pandemie begann, die sich in den folgenden Jahrzehnten bis nach Moskau und New York ausbreitete und Millionen tötete. Alles begann mit einem Vulkan.
Das kulturelle Erbe: Monster und Maschinen
Seltsamerweise verdanken wir dem Tambora einige unserer berühmtesten kulturellen Ikonen und Erfindungen.
Die Geburt der Monster
Im Juni 1816 machte eine Gruppe junger britischer Intellektueller Urlaub am Genfersee in der Schweiz. Zu ihnen gehörten der Dichter Lord Byron, Percy Bysshe Shelley und seine 18-jährige Verlobte Mary Godwin (später Shelley).
- Das Wetter: Das Wetter war scheußlich. Sturm, Regen und Dunkelheit hielten sie tagelang im Haus der Villa Diodati gefangen.
- Der Wettbewerb: Um die Langeweile zu vertreiben, schlug Lord Byron vor, dass jeder eine Geistergeschichte schreiben sollte.
- Frankenstein: Inspiriert von der düsteren Atmosphäre und Gesprächen über Galvanismus (Wiederbelebung durch Strom), hatte Mary Shelley einen Albtraum von einem Studenten, der über einem künstlichen Wesen kniete. Sie schrieb Frankenstein.
- Der Vampir: Byrons Leibarzt, John Polidori, schrieb eine Geschichte über einen aristokratischen Blutsauger, The Vampyre. Dies war der Vorläufer von Bram Stokers Dracula. Ohne den Tambora gäbe es heute vielleicht weder Frankenstein noch den modernen Vampir-Mythos.
Die Farben von Turner
Der britische Maler J.M.W. Turner ist berühmt für seine spektakulären, leuchtend gelben und roten Sonnenuntergänge. Wissenschaftler glauben, dass diese Farben nicht nur Stil waren, sondern Realität. Die vulkanischen Aerosole in der Atmosphäre streuten das Licht und erzeugten jahrelang weltweit extrem lebhafte Himmelsfarben, die Turner in Werken wie The Chichester Canal festhielt.
Die Erfindung des Fahrrads
In Deutschland war der Hafer so teuer, dass die Menschen ihre Pferde schlachteten oder sie verhungern ließen. Es gab einen massiven Mangel an Transportmitteln.
- Die Laufmaschine: Der Erfinder Karl von Drais suchte nach einer Alternative zum Pferd. 1817 stellte er seine „Draisine“ (Laufmaschine) vor – zwei Räder hintereinander, die man mit den Füßen abstieß. Es war der Urvater des modernen Fahrrads. Indirekt verdanken wir also das Fahrrad einem Vulkan in Indonesien.
Fazit: Die zerbrechliche Welt
Das „Jahr ohne Sommer“ ist eine eindringliche Warnung. Wir leben in einer globalisierten Welt, aber wir sind nicht die ersten, die global vernetzt sind. Schon 1816 konnte ein geologisches Ereignis auf der einen Seite der Welt (Indonesien) die Wirtschaft, die Gesundheit und die Kultur auf der anderen Seite (Europa, Amerika) völlig umkrempeln.
Es zeigt uns, wie empfindlich unser Klima ist. Eine Abkühlung von weniger als 1 Grad Celsius reichte aus, um Hungersnöte auszulösen und Reiche zu destabilisieren. Heute, da wir einem Klimawandel in die entgegengesetzte Richtung gegenüberstehen, sollten wir uns an den Tambora erinnern: Das Klima ist kein Hintergrundrauschen; es ist die Bühne, auf der unsere Zivilisation steht, und diese Bühne kann wackeln.