Vulkane und Klimawandel: Freund oder Feind?
Die Beziehung zwischen Vulkanen und unserem Klima ist komplex, paradox und wird in der öffentlichen Debatte oft missverstanden. Während Vulkanausbrüche oft als zerstörerische Ereignisse angesehen werden, sind sie auch die Architekten unserer Atmosphäre. Ohne Vulkane wäre die Erde ein gefrorener Eisball im Weltraum.
Doch in der modernen Diskussion über den Klimawandel taucht oft eine Frage auf: Sind Vulkane die wahren Schuldigen der globalen Erwärmung? Oder sind sie unsere Verbündeten im Kampf gegen die Hitze? Um dies zu beantworten, müssen wir zwei völlig unterschiedliche Zeitskalen betrachten: die menschliche Zeit (Jahre und Jahrzehnte) und die geologische Zeit (Millionen von Jahren).
Der Mythos des “Großen Vulkans”
Zuerst müssen wir mit einem hartnäckigen Mythos aufräumen, der oft von Klimaskeptikern verbreitet wird.
- Die Behauptung: “Ein einziger großer Vulkanausbruch setzt mehr $CO_2$ frei als die gesamte Menschheit in ihrer Geschichte.”
- Die Wissenschaft: Das ist nachweislich falsch. Vulkanologen haben die Gasemissionen von Vulkanen an Land und unter Wasser (mittelozeanische Rücken) genau gemessen.
- Die Zahlen: Alle Vulkane der Erde zusammen stoßen jährlich zwischen 130 und 440 Millionen Tonnen $CO_2$ aus. Im Vergleich dazu setzen menschliche Aktivitäten (Verbrennung fossiler Brennstoffe, Zementproduktion, Abholzung) jährlich etwa 35 Milliarden Tonnen frei.
- Das Fazit: Der Mensch produziert jedes Jahr 100-mal mehr $CO_2$ als alle Vulkane der Welt zusammen. Tatsächlich emittiert der US-Bundesstaat Florida allein mehr $CO_2$ pro Jahr als alle vulkanischen Aktivitäten der Erde.
Der kurzfristige Effekt: Der vulkanische Winter
Auf kurzen Zeitskalen (Jahre) wirken Vulkane nicht als Heizung, sondern als Klimaanlage. Dies geschieht durch Schwefel, nicht durch Kohlenstoff.
Der Mechanismus
Wenn ein explosiver Vulkan (wie der Pinatubo oder Krakatau) ausbricht, schleudert er Asche und Gas bis in die Stratosphäre (über 10 km Höhe).
- Schwefeldioxid ($SO_2$): Das Gas reagiert mit Wasserdampf und bildet winzige Tröpfchen aus Schwefelsäure (Aerosole).
- Der Spiegel: Diese Aerosole verteilen sich rund um den Globus. Sie wirken wie Milliarden winziger Spiegel, die das einfallende Sonnenlicht zurück ins All reflektieren (Albedo-Effekt).
- Die Abkühlung: Weniger Sonnenlicht erreicht die Erdoberfläche, und die globalen Temperaturen sinken.
Historische Beispiele
- Mount Pinatubo (1991): Die Eruption auf den Philippinen war die zweitgrößte des 20. Jahrhunderts. Sie kühlte den Planeten für zwei Jahre um etwa 0,5 °C ab und unterbrach vorübergehend den Trend der globalen Erwärmung.
- Tambora (1815): Die größte Eruption der aufgezeichneten Geschichte führte zum “Jahr ohne Sommer” (1816). In Europa und Nordamerika schneite es im Juli. Ernten fielen aus, was zu der letzten großen Hungersnot in der westlichen Welt führte.
- Laki (1783): Diese isländische Spalteneruption dauerte Monate. Sie verursachte einen seltsamen, trockenen Nebel über Europa, der zu extremen Wintern und Ernteausfällen führte, was laut Historikern zur sozialen Unruhe beitrug, die in der Französischen Revolution gipfelte.
Der langfristige Effekt: Der Retter der Erde
Wenn wir jedoch die Uhr um Millionen von Jahren zurückdrehen, ändert sich das Bild. Vulkane werden von Kühlern zu Heizern.
Der langsame Kohlenstoffkreislauf
Die Erde hat einen natürlichen Thermostaten, den Silikat-Karbonat-Zyklus.
- Regen: $CO_2$ in der Atmosphäre löst sich in Regenwasser und bildet schwache Säure.
- Verwitterung: Dieser saure Regen fällt auf Gestein, löst Mineralien heraus und bindet den Kohlenstoff.
- Transport: Flüsse tragen diese Mineralien ins Meer, wo sie von Lebewesen (Muscheln, Korallen) genutzt werden, um Kalkstein ($CaCO_3$) zu bilden.
- Speicherung: Wenn diese Tiere sterben, wird der Kohlenstoff am Meeresboden gespeichert. Ohne einen Rückweg würde der Atmosphäre das $CO_2$ ausgehen, und die Erde würde einfrieren.
- Das Recycling: Hier kommen die Vulkane ins Spiel. Durch Plattentektonik wird der Meeresboden in Subduktionszonen in das Erdinnere gezogen. Die Hitze “kocht” den Kalkstein, setzt das $CO_2$ frei, und Vulkane spucken es wieder in die Atmosphäre.
Schneeball Erde
Es gab Zeiten in der Erdgeschichte (vor etwa 700 Millionen Jahren), in denen die Erde fast vollständig von Eis bedeckt war (“Schneeball Erde”). Das Eis reflektierte fast alles Sonnenlicht, was die Erde in einer Kältefalle gefangen hielt. Wie entkam das Leben? Vulkane brachen weiter aus (da sie von innerer Hitze angetrieben werden, nicht von der Sonne). Sie pumpten $CO_2$ in die Luft. Da alles Eis bedeckt war, gab es keine Verwitterung, um das $CO_2$ wieder zu entfernen. Über Millionen von Jahren stieg die $CO_2$-Konzentration so stark an, dass ein Super-Treibhauseffekt entstand, der das Eis schmolz. Vulkane haben das Leben gerettet.
Extreme Ereignisse: Das Massensterben
Zu viel des Guten kann jedoch tödlich sein.
- Das Perm-Trias-Massensterben (vor 252 Mio. Jahren): Dies war das schlimmste Massensterben der Erdgeschichte (“The Great Dying”). 96 % aller Meeresarten starben aus.
- Die Ursache: Riesige vulkanische Eruptionen im heutigen Sibirien (die Sibirischen Trapps) dauerten Hunderttausende von Jahren an. Sie setzten so viel $CO_2$ und Methan frei, dass die Ozeane versauerten und die Temperaturen sprunghaft anstiegen.
Geoengineering: Vulkane imitieren?
Das Verständnis der abkühlenden Wirkung von Vulkanen hat zu einer kontroversen Idee geführt: Geoengineering. Wissenschaftler diskutieren ernsthaft darüber, ob wir den “Pinatubo-Effekt” künstlich nachahmen sollten, indem wir Flugzeuge nutzen, um Schwefel in die Stratosphäre zu sprühen.
- Das Ziel: Die globale Erwärmung schnell stoppen, um Kipppunkte zu vermeiden.
- Das Risiko: Es könnte den Monsunregen in Asien und Afrika stören (was Milliarden Menschen betrifft), den Himmel weiß statt blau färben und das Ozonloch vergrößern. Zudem löst es nicht das Problem der Ozeanversauerung durch $CO_2$.
Zukünftige Forschung: Das Rätsel lösen
Es gibt noch viele offene Fragen. Wissenschaftler arbeiten heute daran, die vulkanischen Emissionen besser zu verstehen, um Klimamodelle zu verfeinern.
- Deep Earth Carbon: Projekte wie das Deep Carbon Observatory versuchen herauszufinden, wie viel Kohlenstoff wirklich tief im Erdinneren gespeichert ist und wie viel davon jährlich an die Oberfläche gelangt.
- Supervulkane: Wir wissen immer noch nicht genau, welche Auswirkungen ein moderner Ausbruch eines Supervulkans (wie Yellowstone) auf unser hochtechnologisiertes Klima und unsere Landwirtschaft hätte.
Fazit
Vulkane sind weder Freund noch Feind; sie sind das planetare Betriebssystem. Kurzfristig sind sie Kühler, die uns spektakuläre Sonnenuntergänge und gelegentliche kalte Winter bescheren. Langfristig sind sie Heizer, die den Kohlenstoff recyceln und verhindern, dass unser Planet zu einem ewigen Eisblock wird.
Aber in der aktuellen Klimakrise sind sie unschuldig. Die rapide Erwärmung, die wir heute sehen, ist nicht das Werk der geologischen Riesen, sondern das Werk der Menschheit. Wir haben die Rolle des Vulkans übernommen und pumpen Millionen Jahre alten Kohlenstoff (Kohle, Öl) in einem Wimpernschlag zurück in die Luft.