Lavaröhren: Die verborgenen Adern der Erde
Wenn wir an Vulkane denken, stellen wir uns normalerweise Berge vor, die Feuer in den Himmel spucken. Doch einige der spektakulärsten vulkanischen Wunder liegen verborgen unter unseren Füßen, in ewiger Dunkelheit. Lavaröhren sind die Adern der Erde – massive, natürliche Pipelines, die einst glühende Flüsse aus geschmolzenem Gestein transportierten und heute als stille, hohle Kathedralen zurückbleiben.
Diese Strukturen sind nicht nur geologische Kuriositäten. Sie sind einzigartige Ökosysteme, Zeitkapseln der Klimageschichte und vielleicht der Schlüssel zur Besiedlung anderer Planeten.
Wie baut man einen Tunnel aus Feuer?
Lavaröhren sind ein Meisterwerk der Strömungsmechanik. Sie entstehen fast ausschließlich bei Basaltvulkanen (wie Hawaii, Island oder den Kanarischen Inseln), da diese Lava dünnflüssig genug ist, um wie Wasser zu fließen.
Der Prozess der Überdachung
Der Prozess ähnelt dem Zufrieren eines Flusses im Winter.
- Der Fluss: Ein Lavastrom fließt den Hang hinunter. Die Lava an den Rändern kommt mit der kühleren Luft und dem Boden in Kontakt und beginnt zu erstarren. Es bilden sich Uferdämme.
- Die Kruste: Die Oberfläche des Stroms kühlt ab und bildet eine dunkle, feste Haut. Diese Haut verdickt sich und verbindet sich mit den Ufern, bis der Lavastrom vollständig umschlossen ist.
- Die Isolierung: Gestein ist ein hervorragender Isolator. Im Inneren der Röhre verliert die Lava kaum noch Wärme (weniger als 1 °C pro Kilometer). Sie kann nun über Dutzende von Kilometern fließen, ohne zu erstarren.
- Die Entleerung: Wenn der Ausbruch am Schlot endet, fließt die restliche Lava im System weiter bergab und entleert die Röhre wie ein Wasserrohr, bei dem der Hahn zugedreht wurde. Zurück bleibt ein perfekter, hohler Tunnel.
Berühmte Röhren auf der Erde
Lavaröhren gibt es fast überall dort, wo es Vulkane gibt.
Kazumura Cave, Hawaii
Dies ist der König der Lavaröhren. Am Hang des Kilauea gelegen, ist sie mit über 65 Kilometern Länge und über 1.000 Metern Höhenunterschied die längste und tiefste Lavaröhre der Welt.
- Formationen: In ihrem Inneren finden Höhlenforscher bizarre Formationen: Lavastalaktiten (von der Decke tropfende Lava, die erstarrt ist), Lavabänke (Markierungen, die den Pegelstand des Flusses anzeigen) und Lavafälle, wo der unterirdische Fluss über Klippen stürzte.
Cueva del Viento, Teneriffa
Die „Höhle des Windes“ auf den Kanarischen Inseln ist das größte Lavaröhrensystem in der Europäischen Union (17 km).
- Das Labyrinth: Anders als die Kazumura, die meist eine lange Linie ist, ist die Cueva del Viento ein komplexes, dreidimensionales Labyrinth. Mehrere Lavaströme flossen übereinander und schufen ein Netzwerk aus Tunneln auf drei verschiedenen Ebenen.
Undara, Australien
Hier finden wir die Überreste eines titanischen Ausbruchs vor 190.000 Jahren. Die Röhren sind so riesig (bis zu 20 Meter breit), dass sie eigene Ökosysteme enthalten. Wo die Dächer eingestürzt sind, wachsen Regenwälder mitten in der trockenen Savanne, geschützt durch die feuchten, kühlen Wände der Röhre.
Leben im Dunkeln: Die Troglobionten
Lavaröhren mögen wie tote Orte wirken, aber sie sind voller Leben.
- Die Anpassung: Da es kein Sonnenlicht gibt, gibt es keine Photosynthese. Das Leben hier verlässt sich auf Wurzeln, die durch die Decke wachsen, oder auf Bakterien, die Mineralien fressen (Chemosynthese).
- Die Bewohner: Man findet hier hochspezialisierte Tiere, sogenannte Troglobionten. Dazu gehören blinde Grillen, transparente Spinnen und Albino-Asseln. In der Cueva del Viento leben 190 Tierarten, von denen 48 nirgendwo sonst auf der Erde vorkommen.
- Mikroben: Wände von Lavaröhren sind oft mit glänzenden Teppichen aus mikrobiellen Matten bedeckt („Höhlengold“). Diese Mikroben könnten den frühesten Lebensformen auf der Erde ähneln.
Menschliche Nutzung: Von Verstecken zu Kathedralen
Menschen haben Lavaröhren seit Jahrtausenden genutzt.
- Schutzräume: Ureinwohner in Hawaii und Australien nutzten die Höhlen als Schutz vor Stürmen und als Wasserspeicher, da Tropfwasser sich oft in den Tiefen sammelte.
- Spirituelle Orte: Für viele Kulturen galten die Höhlen als Eingänge zur Unterwelt oder als heilige Orte. Grabstätten wurden oft in den tieferen, unzugänglichen Teilen angelegt.
- Moderne Nutzung: In Island werden Lavaröhren wie Raufarhólshellir heute für Konzerte genutzt, da die akustischen Eigenschaften der gewölbten Lavawände einzigartig sind.
Sicher Erkunden
Vulkantourismus wird immer beliebter, und viele Lavaröhren sind für die Öffentlichkeit zugänglich. Wenn Sie eine Lavaröhre besuchen möchten, gibt es wichtige Sicherheitsregeln zu beachten:
- Licht: Nehmen Sie immer mindestens drei unabhängige Lichtquellen pro Person mit. In der absoluten Dunkelheit einer Höhle ist ein Lichtausfall ein Notfall.
- Kleidung: Lavagestein ist extrem scharf und abrasiv. Tragen Sie feste Schuhe, lange Hosen und Handschuhe. Ein Helm ist unerlässlich, um Kopfverletzungen durch niedrige Decken zu vermeiden.
- Naturschutz: Lavaröhren sind fragile Ökosysteme. Berühren Sie keine Stalaktiten oder mikrobiellen Matten, da diese Jahrhunderte zum Wachsen brauchen und durch das Öl auf unserer Haut zerstört werden können.
Die Zukunft der Menschheit: Wohnen in Röhren?
Lavaröhren sind derzeit eines der heißesten Themen in der Weltraumforschung. Warum? Weil der Mars und der Mond extrem lebensfeindliche Orte sind.
- Das Problem: Auf der Oberfläche sind Astronauten tödlicher kosmischer Strahlung, Mikrometeoriten und extremen Temperaturschwankungen (von +100 °C bis -150 °C) ausgesetzt. Um dort zu leben, müssten wir meterdicke Bleiwände bauen.
- Die Lösung: Die Natur hat die Schutzräume bereits gebaut. Lavaröhren.
- Strahlenschutz: Die dicke Basaltdecke blockiert die Strahlung perfekt.
- Temperatur: Unter der Oberfläche ist die Temperatur konstant und mild (etwa -20 °C auf dem Mars, was für Mars-Verhältnisse warm ist).
- Größe: Aufgrund der geringeren Schwerkraft können Lavaröhren auf dem Mond und Mars gigantisch sein. Satellitenbilder haben „Skylights“ (eingestürzte Dachöffnungen) entdeckt, die in Höhlen führen, die groß genug sein könnten, um ganze Städte wie Philadelphia aufzunehmen.
Wussten Sie schon?
Das längste bekannte Lavaröhrensystem im Sonnensystem befindet sich wahrscheinlich auf der Venus oder dem Mars. Auf der Venus erstreckt sich ein kollabierter Lavakanal (ein Rille) über 6.800 Kilometer – das ist länger als der Amazonas-Fluss!
Fazit
Lavaröhren sind eine Erinnerung daran, dass Vulkane nicht nur Zerstörer sind, sondern auch Baumeister. Sie schaffen Land, sie schaffen Boden, und sie schaffen geschützte Räume. Es ist eine schöne Ironie, dass die feurigsten Orte der Erde (und anderer Planeten) eines Tages die sichersten Zufluchtsorte für das Leben sein könnten. Wenn wir jemals eine permanente Kolonie auf dem Mond errichten, werden wir wahrscheinlich nicht auf ihm leben, sondern in ihm – zurück in den Höhlen, in denen unsere Vorfahren einst begannen.